Foto: Josef Schimmer

DER DRACULA KOMPLEX oder KEIN SCHÖNER LAND

Die Quadriga (Berlin/Dresden)

Schauspiel/ Puppentheater

Inhalt

Ein Volksstück zwischen Trachten und Alltagstristesse. Ein unscheinbares Dorf wird heimgesucht vom größten Verführer aller Zeiten: Von Dracula. Und seiner Mutter. Aber anstatt den Menschen ganz traditionell das Blut zu stehlen, stiftet der Vampir anderweitig Verwirrung. Eine Nacht in der Dorfkneipe wird allen zum Verhängnis...

In feinster populistischer Manier flüstert Dracula sich in die Köpfe der Bewohner und rasant stürzt das wackelige Paradies »Heimat« in sich zusammen. Das exotische Freizeitbad erleidet peinliche Baupannen, der geliebte Discounter fängt Feuer, eine Tochter verschwindet und dann kommt auch noch der Wolf und bringt sein ganzes dreckiges Rudel mit…

Dreist verwenden wir alte Mythen, erzählen damit neue Geschichten und hinterfragen in diesem Kontext aktuelle, gesellschaftliche Bewegungen.

Mitwirkende

Spiel, Konzept: Ulrike Langenbein, Marie Bretschneider | Regie: Die Quadriga | Textfassung, Dramaturgie: Florian Hawemann | Ausstattung: Studio Langenbein & Waldmüller | Regieassistenz: Margit Langenbein | Musik: Benjamin Reber, Björn Leese | Künstlerische Mitarbeit: Jochen Menzel

Dauer: 65 Minuten

Donnerstag I 24.09.2020 I 20:00 Uhr I Gutmann-Saal
Freitag I 25.09.2020 I 20:00 Uhr I Gutmann-Saal
Samstag I 26.09.2020 I 20:00 Uhr I Gutmann-Saal
Voll:
16 Euro
ermäßigt:
12 Euro
Schüler, Studenten, Theatercard:
6,50 Euro

Pressezitate

Phänomenal: Mit Figuren gegen Kleingeisterei

„Immer soll ich beißen“, Dracula ist verstimmt. Er wird eine Reise machen, um endlich seinen ersten Biss zu tun. Seine Mutter will es so. Doch Dracula hat keine Lust zu beißen, noch nie gehabt. Wenn er schon fort soll, dann muss der Wolf mit. Und so landet Familie Dracula in einem winzigen Nest, im dem nix los ist oder war. Bis Bürgermeister Theo das Haus des Heimatdichters hat abreißen lassen, um dort eine mondäne Badeanstalt zu installieren. Ein Paradies für Blutsauger, überall nackte Hälse. Ob's hier endlich klappt mit dem Biss?

Einen herrlich komischen Mix aus Schauermär und Heimatsuche, angereicht mit fein dosierter Gesellschaftskritik präsentierte mit „Der Dracula Komplex“ die Berliner Puppenspielkompanie Handmaids im Kleinen Theater im Rathaus (eine Kooperation mit dem Puppentheater Halle und dem Zentrum für Figurentheater Stuttgart). Furios, die beiden Schauspielerinnen Ulrike Langenbein und Marie Bretschneider in giftgrünen Dirndln und mit Zopffrisuren, die die Puppen beim Sauna-Aufguss und im Wald in Plattheiten und Romantikfloskeln über Naturschönheit und Heimatoptimierung schwadronieren lassen. Bizarre, charakterstarke Gummiköpfe mit unvergesslichen Mienen sind diese Puppen (Studio Langenbein & Waldmüller), an den Armen der Spielerinnen prangen Vatermörderkragen oder Plastikflamingo.

Auf der Bühne, ein Tresen mit extravaganten Leuchten und Nadelwaldattrappe, wird sich das Geschick der Dörfler vollziehen, die nicht abgehängt werden wollen und dafür gern Vögelchen und grünen Tann opfern. Doch plötzlich geht ein Riss durchs Vergnügungsbad, weil Dracula gründlich was missverstanden hat.

Das Stück ist ideenprall, mit gespenstisch schönem Schattenspiel vor blutroter Weltkarte, eines Loriot würdigen Dialogen zwischen Mama und Sohn Vampir und Dracula als verklärtem Schwärmer und Verteidiger von Naturmystik - eine perfekte, ironisch gebrochene Melange aus Schau- und Puppenspiel.

Phänomenal, Bretschneider als Hasstiraden auf den Wolf blökender rechter Wutbürger und Langenbein als ihm untergebenes Weib. So viel steckt drin im „Dracula Komplex“, Dekadenz, Kulturverlust, vorgeblicher Altruismus, gelebte Kleingeisterei und die Furcht vor dem Unbekannten, das kommen und uns alle aussaugen und fressen wird. Dabei sitzen die wirklichen Blutsauger bereits mit gestärkten Krägen in den vermeintlich sichern Sesseln der Selbstgerechtigkeit.

(Saarbrücker Zeitung, 2017)

Ergänzungen / Hinweise

Diese Produktion ist eine Kooperation der HANDMAIDS mit dem Puppentheater Halle und dem Zentrum für Figurentheater Stuttgart | Gefördert vom Fond Darstellende Künste und vom Amt für Kultur und Bildung Berlin