Verehrtes Publikum, liebe Freunde der unbequemen Unterhaltung,

nun beginnt die Adventszeit. 2020 neigt sich seinem Ende entgegen und nicht wenige Menschen haben sicher das Bedürfnis, dieses Jahr einfach verschwinden zu lassen. Aber ist es wirklich ein verlorenes Jahr? Die Verbreitung eines kleinen Virus und die ordnungspolitischen Reaktionen auf seine Verbreitung vermochten es, unverrückbare Gewissheiten ins Wanken zu bringen, Kreativität und Mittel zu mobilisieren, von denen wir kaum ahnten, dass diese überhaupt verfügbar waren.

Konflikte brechen sich Bahn, unüberbrückbar scheinende Gräben durchpflügen unsere Meinungslandschaft. Politischer und gesamtgesellschaftlicher Dialog sind mehr denn je gefragt. 2020 einfach vergessen und verschwinden lassen – das wird kaum möglich sein. Und wünschenswert wäre es sicher auch nicht. Wir sollten dieses Jahr mit einem gewissen Staunen, mit Bedacht, Interesse und ja, gut, auch mit einem ungläubigen Kopfschütteln an sein Ende begleiten.

Was machen wir derzeit, mit einem verschlossenen Theater? Abgesehen davon, dass wir plötzlich Zeit haben für Arbeiten, die im Mühlrad des Spieltriebs immer untergehen, liegenbleiben und in der Ablage »Müsste mal gemacht werden, wenn Zeit ist« gelandet sind. Einige Theaterleute und sogenannte Kunst- und Kulturschaffende sehen sich genötigt, immer wieder Ihre (System-)Relevanz zu betonen - so, als hätten sie tatsächlich große Sorge, nicht so relevant zu sein, wie sie es sich eigentlich erhoffen. Unter dem Label »Freizeitangebot« möchte man nicht verbucht werden. Natürlich ist aber Theater (auch) ein Freizeitangebot – ein ziemlich besonderes, gewiss – eine Diva, die zugleich scheu und auf der anderen Seite launisch, wild und herausfordernd ist, gewiss jedenfalls kein Wellnessbereich, dafür Gegenwelt, Traumfabrik, Diskursbude und vieles mehr.

Auch wenn das Theater für uns, die Theatermacher*innen die Welt schlechthin bedeutet, Lebensmittelpunkt und Daseinsgrundlage ist, so ist die zeitweise Schließung aber sicher keine Katastrophe, wie einige Theaterleiter dieser Republik verkünden. Schauen wir über unsere Bühnenränder hinaus! Was ist so schlimm daran, Teil eines Spektrums von Freizeitangeboten zu sein? Für Fitnessstudio-Betreiber*innen oder Saunabesitzer*innen, Kneipen- oder Kioskbetreiber*innen, Betreiber*innen von Kinderbauernhöfen, Jugendzentren und Diskotheken, Clubs, Kinos, für Musiklehrer*innen und Fußball-Trainer*innen sind deren Einrichtungen und Tätigkeiten auch Lebensgrundlage und Lebensmittelpunkt. Auch sie sind für viele Menschen ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens, wichtiger Treff, ein Zentrum sozialen Austauschs, oft mehr soziokulturelles Zentrum als jene, die dies im Namen tragen. An all diesen Orten sollen, können, dürfen wir uns in diesen Wochen nicht treffen, das ist bedauerlich, ja: bitter.

Die Adventszeit ist für viele Theater die Zeit der größten Zuschauerdichte, die Zeit der verklärenden Bilder, der Märchen, der Besinnung, der Einkehr, des Zusammenkommens, des Brückenbauens und der fliegenden Gedanken. Das Societaetstheater wird nach einem vorstellungslosen November nun wohl auch im Dezember seine Türen nicht öffnen können, langgeplante Spielpläne werden verworfen. Wie und wann es weitergehen soll, ist noch sehr ungewiss. Doch wir wollen und können nicht tatenlos sein, wir wollen mit unserem Publikum und mit den uns verbundenen Künstler*innen weiter im Austausch bleiben, wollen streiten, fragen, träumen, Pläne schmieden.

Drum werfen wir alles, was geplant war, über den Haufen. Wir wollten Euch auch in dieser besonderen Adventszeit nicht verlassen und in einer guten Mischung aus Subversion, Poesie und Feingefühl zum Wandeln um das Haus einladen. Musik und Stimmen, Geschichten, Bilder, Überraschungen. Ein Zusammenkommen - ohne sich zu nahe zu kommen. Leider kann auch das bis auf Weiteres nicht mehr stattfinden. Doch bitte, verzagt nicht! Bleibt gespannt, unbequem und wunderbar.

Eine schöne Adventszeit!
Allen!
Love and Chaos!

Heiki Ikkola & das gesamte Socie-Team