BANDSCHEIBENVORFALL
Ein Abend für Leute mit Haltungsschäden
(Ingrid Lausund)
Fünf Angestellte im Vorzimmer des Chefs. Bereit, sich in die Höhle des Löwen zu begeben. Sie haben an sich gearbeitet, um "den richtigen Eindruck" zu hinterlassen. Sie haben nächtelang vor dem Spiegel geprobt, wissen ein nervöses Kopfwackeln ebenso effektiv einzusetzen wie die völlige Nichtbeachtung einzelner Kollegen. Der Auftritt ist bis ins Detail choreographiert. Die Wartezeit verkürzt man sich untereinander mit gezielter Desinformation und schallenden Ohrfeigen.
In Ingrid Lausunds neuer Farce aus dem Leben heutiger Angestellter wechseln Profilierungsscharmützel mit zarten Momenten vorsichtiger Annäherung, spontane Glücksschübe lösen ankerschwere Kindheitstraumata ab. Ein absurd-komischer Abgesang auf Selbstoptimierungsstrategien im Zeitalter "flacher Hierarchien". "Zwischen Euphorie und Nachdenklichkeit darf sich ein begeistertes Publikum fragen, wie es um die eigene graue Parallelwelt bestellt ist." SZ
Fotos: Detlef Ulbrich | www.duks33.de
PRessestimmen
Ich will nicht funktionieren
BANDSCHEIBENVORFALL deckt in Dresden Haltungsschäden in der Arbeitswelt auf.
Sein feminines Kopfwackeln hat er von der Mitbewerberin geklaut. Die übt heimlich spontane Aggressionsausbrüche vor dem Spiegel - vielleicht das entscheidende Alleinstellungsmerkmal? In Ingrid Lausunds Stück BANDSCHEIBENVORFALL mussten am Freitag zur Premiere im Dresdner Societaetstheater fünf Jobanwärter Haltung bewahren.
Das Werk in der Regie von Daniel Minetti beginnt mit zünftigen Klischees. Einer nach dem anderen macht es sich auf den sitzbaren Ladenhütern im Vorzimmer eines unsichtbaren Chefs bequem. Allen voran das männliche Alphatier, der Lederkoffer-Macho überzeugend gespielt von Felix C. Voigt. Sein weibliches Äquivalent folgt prompt, eine dominante Lackschuh-Lady (Beate Laaß), die kaum mit ihren kurvigen Reizen geizt. Das gegenseitige Hochschaukeln im Vorzimmer der Arbeitswelt setzt sich bis zum Kollektivrauchen fort: Wer hat die größte Kippe?
Ausgleich in der Teetasse
"Sitzen, Kaffeefrage, Witz" - das Vorstellungsgespräch wird akribisch durchgespielt, alles muss perfekt sitzen für den perfekten Auftritt des perfekten Bewerbers für den perfekten Job. "Ich glaube, das war ein richtig gutes Gespräch", sagt eine Bewerberin (sehr genau: Angela Schlabinger), als sie mit einem Messer im Rücken zur Tür herauskommt. Andere verlassen den Vorhof zum Schreibtischleben mit Schweinemaske oder Karnevalshut. Die angenommen werden, sollen sich kollegial verhalten - "Ich kotz gleich und freu mich drauf`, kommentiert die Konkurrentin.
Endlich in der Arbeitswelt angekommen, werden ängstliche Kollegen gemobbt, wird um Freiräume gefeilscht und das Chaos zelebriert - aber nur so lange, bis sich alle wieder mit einem freundlichen "Guten Morgen" begegnen. Eine Schießerei wie im Wilden Westen löst Kindheitstraumata ab, Ängste und Erniedrigungen melden sich. Beim Meeting sucht man den inneren Ausgleich in der Teetasse, doch jeder kleine Anflug von Glück wird sorgfältig verbannt.
Euphorie und Nachdenken
Zwischen Euphorie und Nachdenklichkeit darf sich ein begeistertes Publikum fragen, wie es um die eigene graue Parallelwelt bestellt ist.
Gegen Ende werden sich die Akteure ihrer Misere langsam bewusst: "Ich will nicht mehr funktionieren. Wann habe ich das erste Mal gelogen und gelacht, wenn es nicht witzig war?" Fragen über Fragen, die man sich stellen sollte, um dem beruflichen "Bandscheibenvorfall" vorzubeugen.
SZ vom 29.03.2010
Vor der Höhle des Löwen
Daniel Minetti inszenierte mit bemerkenswertem Darsteller-Quintett BANDSCHEIBENVORFALL am Societaetstheater
Eine Farce ist ja bekanntlich ein recht erheiterndes Theaterspiel, bei dem man sich auf Kosten anderer bestens amüsieren kann. Und wo sich der unvoreingenommene, die allgemeine Lage absolut vorurteilsfrei und mit kluger Einsicht beurteilende Zuschauer Gewissheit verschaffen kann, dass alle anderen tatsächlich so sind, wie es da justament auf der Bühne dargestellt ist. Mit einer einzigen Ausnahme, und das ist der/die Betrachter(in) höchstpersönlich. Man hätte durchaus nach der Premiere von BANDSCHEIBENVORFALL am Societaetstheater das Publikum befragen können, ob es sich von der Vorstellung der durchgeknallten Typen in irgendeiner Weise persönlich angesprochen gefühlt hat. Angesprochen sicher, gewiss, irgendwie, aber derart Verrückte, die sich im Nahkampf um beste Positionen gnadenlos zerfleischen, ihre Würde aufopfern für ein halbwegs gutes Gehalt sowie jede Form von Demütigung hinnehmen - heftig protestierend natürlich, danach! - dazu will doch nun wirklich keiner gehören.
Daniel Minetti hat dieses Stück von Ingrid Lausund, das deutlich auch absurde Züge trägt, mit fünf bemerkenswerten Darstellern am Societaetstheater in Szene gesetzt. Sie sind quasi das kraftvolle Potenzial, welches im Verbund mit der erfolgsträchtigen Textvorlage durchaus explosiv wirken kann, und das ist keinesfalls ironisch gemeint. Fünf längst bekannte, stets auffällig gute Schauspieler treffen in einem Stück aufeinander, arbeiten mit einem erfahrenen Schauspieler-Kollegen zusammen, bringen sich gegenseitig in Fahrt. Was heißt hier eigentlich Fahrt? In Raserei, Rowdytum, zügelloses Treiben, in absonderliche Vorzimmer-Praktiken, Ohrfeigen-Serien, Slapstick, Kintopp ...
Das Stück lässt es zu, die Aufführung hätte in der Auswahl ihrer Mittel sicher auch gemäßigter ausfallen können. Doch Minetti hat sich eben für die pralle Variante entschieden, mit allem, was dazu gehört. Und das kann man gelten lassen, auch dann, wenn es nicht unbedingt dem eigenen Geschmack entspricht. Auffällig an diesem Abend ist auch das bewusst künstlich- abstrahiert gehaltene Bühnenbild von Wibke Schuler. So trinkt das herrlich nuanciert aufspielende Quintett aus gewerkelten Kaffeetassen, pafft "flache", sperrige Zigarren in der kuriosen Raucherecke, ist besonders abenteuerlich ausgestattet in der entkleideten Entgleisung.
Zuweilen aber, beispielsweise in der Vater-Mutter-Kind-Szene, geht die inszenierte Überzeichnung auch daneben, verlangt der Text ein eher abstrahiertes Spiel, wirkt das ineinander Verschränkte zu vordergründig. Da funktioniert beispielsweise das "Vorspiel" mit Beate Laaß und Felix C. Voigt schon besser, ein Vorzimmer-Duett der besonderen Art, und die beiden bringen das exzellent herüber.
Dass Minetti es überhaupt wagen konnte, solcherart gewagtes Theater zu machen, liegt sicher auch daran, dass er seinen Darstellern vertraute. Und sie ihm offenbar ebenso. Diese fünf Charaktere, und das haben sie alle bestens herausgearbeitet, geben ihrem Affen Zucker, überwinden persönliche Grenzen, drehen am Rad, als gelte es das Leben. Und haben - allein wie vereint - jegliche Gelegenheit, die Sau raus zu lassen. Wenn sie in der Chefhöhle wie im dunklen Abgrund verschwinden, bleibt die Hoffnung, sie könnten, sie würden es vielleicht wagen, ihr Ansinnen dem Löwen ins Maul zu schreien. Doch bei den Begegnungen, die sich im Verborgenen abspielen, bekommen die Bewerber / Mitarbeiter diverse "Denkzettel" verpasst, erscheinen gedemütigt im Kreis der Wartenden, zerzaust, mit Dolch im Rücken, Axt im Kopf, schmieden Pläne konsequenter Entscheidungen, toben sich an einem aus, der dafür noch nette Erklärungen sucht.
Mir sind in dieser Aufführung die stillen Momente am liebsten. Wie das Entree von Thomas Stecher und Angela Schlabinger, die ganz "Persönliches" preisgeben. Sich so verhalten, als würden sie gerade gemeinsam in Betrachtung ihrer selbst vorm Spiegel stehen, bevor es zur Probe aufs Exempel kommt. Oder Matthias Manz in seiner diplomatischen Rede ans Volk, ein Friedfertiger, Anpassungsfähiger, der den Angreifer in jeglicher Form zu entlasten sucht und für sein eigenes Verhalten unzählige Ausflüchte, Entschuldigungen findet. So kann man es immer und alles aushalten.
Gabriele Gorgas
DNN vom 30.03.2010
Mitwirkende
Regie: Daniel Minetti | Spiel: Angela Schlabinger, Beate Laaß, Thomas Stecher, Matthias Manz, Felix C. Voigt | Ausstattung: Wibke Schuler












