KOMMUNISTENFRESSER

Detail

KOMMUNISTENFRESSER

oder Das Leben des Einen

(norton.commander.productions.)

20 Jahre ist das Experiment DDR im Loch der Geschichte verschwunden. Eine ganze Generation ist inzwischen nachgewachsen, in deren Köpfen - wenn überhaupt - das Bild einer fernen Diktatur mit Spaßfaktor und Stasirentnern zirkuliert. KOMMUNISTENFRESSER oder DAS LEBEN DES EINEN ist eine Collage, die in ostdeutscher Vergangenheit stöbert und im Heute nach politischen Realitäten und linken Utopien fragt. Stasi-Offiziere treiben absurde Psychofolter und ein exzessives Schlagwerk-Trio trommelt zu paradiesischen Zuständen versunkener Utopien.
"Vorzugsweise auf der Leinwand im Hintergrund (Video: Martin Bochmann) laufen die 'Ermittlungen' gegen Jürgen Fuchs, die Ermittler beherrschen die ganze Tonleiter des Psychoterrors, ihre Darsteller kennen sich aus in der Diktion, spielen genüsslich mit Nuancen, die auch im Alltag vertraut waren. Vorgeführt nicht im Stil einer verbitterten Dokumentation, sondern in giftig witzigen Schnitten und Sprüngen, in denen die Spielfiguren sich gegenseitig übertrumpfen... Harriet und Peter Meining (Regie, Bühne, Buch) provozieren auf vordergründig unterhaltsame Weise eine Art von Streitkultur, die sich nicht von vornherein am Festhalten an 'ein für allemal feststehenden' Begriffen erschöpft, sondern den Weg ins Offene sucht." (DNN)

KOMMUNISTENFRESSER eröffnete 2009 das Festival Deutsche Geschichten in Leipzig und Düsseldorf, vertrat Sachsen beim Deutschen Geschichtsforum im Deutschen Museum in Berlin und gastierte erfolgreich im HAU - Theater Hebbel am Ufer Berlin. 2010 wird KOMMUNISTENFRESSER auch in Frankfurt am Main im Mousonturm zu sehen sein.


Fotos: Max Messer

pressestimmen

Realsatire aus den Untiefen des Internets
"Kommunistenfresser oder das Leben des Einen" hat morgen Premiere im Societaetstheater

Eine neue norton.commander.production hat morgen im Dresdner Societaetstheater Premiere. "Kommunistenfresser oder Das Leben des Einen" ist der Titel - Harriet und Peter Meining kündigen eine Collage an, die in ostdeutscher Vergangenheit stöbert und im Heute nach politischen Realitäten und linken Utopien fragt. Tomas Petzold erkundigte sich, wohin dabei die Reise geht.

Frage: Der Titel erinnert an einen von Monty Python. Biographie eines Erlösers oder eines Durchschnittsmenschen?

Harriet Meining: Zumindest haben wir bei den Proben gelacht wie bei Monty Python. In unserer Recherche zum Theaterstück sind wir in den Tiefen des Internets auf einen Blog gestoßen, der überschrieben war mit "Armes Deutschland". Hier tummelten sich unter abstrusen Namen von unversöhnlichen Gestrigen bis zu extremistischen Zeitbomben eine ganze Menge Mitmenschen, die über Sinn und Unsinn von Stasi und DDR-Vergangenheit debattierten. Neben Namen wie "Holzauge", "die Rückkehr des Stechschritts" oder "lebenslänglich Null Euro Praktikant" fand sich ein besonders humorvoller Blogger mit Namen "Kommunistenfresser".
"Das Leben des Einen" bezieht sich auf den DDR-Schriftsteller und Dissidenten Jürgen Fuchs, der neun Monate in Stasihaft saß und abschließend in den Westen abgeschoben wurde, aber auch auf den Film "Das Leben der Anderen". Im Stück heißt es dazu: "Wir kennen keinen einzigen Fall, in dem ein Vernehmer sich heimlich auf die Seite seines Opfers gestellt hat. Wenn Henckel von Donnersmarck einfach nur die Absurdität des Orwell'schen Systems der DDR umgesetzt hätte: Nie hätte ein solcher Film 1,7 Millionen Zuschauer in Deutschland gefunden. Gerade das fiktionale Drehbuch machte aus einem Stasi-Film das so hochgelobte Stasi-Drama."

Wie die Diskussionen um die Schlagworte Diktatur und Unrechtsstaat zeigen, steht 20 Jahre nach der Wende offenbar wiederum eine Grundsatzdiskussion um das Wesen der DDR an. Ist die überhaupt losgelöst vom historischen Umfeld möglich?

Peter Meining: Wir denken, sie ist notwendig und auch möglich. Gerade jetzt in Zeiten der Krise hat Kapitalismuskritik berechtigte Hochkonjunktur. Ungeachtet ihrer historischen Erfahrung demonstrieren jedoch Menschen für Sozialismusideale und wärmen sich verklärt am Lagerfeuer der Utopie. Wir denken, dass es eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der kommunistischen Utopie nie gegeben hat, im Gegenteil. Diese Ideologie hat es verstanden, sich unbeschadet aus der Geschichte zu stehlen. Angesichts von 100 Millionen Toten zwischen China, Sowjetunion und der Roten Khmer eine beachtliche Leistung. Historiker schildern dieses Phänomen wie folgt: In seinem Wesen setzt diese Utopie tiefer an, sie mobilisiert die unauslöschliche Sehnsucht nach dem Guten, die allen Europäern in die zivilisatorische Wiege gelegt ist. Ihre Verführungskraft wurzelte in den Schattenseiten der bürgerlichen Welt; die aufzuhellen schon an sich eine Berechtigung hat.

Dies zu tun, war immer ein Anspruch der DDR...

P.M.: Die DDR hat keine Leichenberge hinterlassen, nur Aktenberge, lautet eine gängige Argumentation, und so versucht man, wenigstens einen Zipfel der kommunistischen Wahrheit zu erhaschen... Aus dieser Haltung rührt dann wohl auch der Spruch "...es war doch nicht alles schlecht." In diesem Sinn ist es gerade heute notwendig, über das Wesen der DDR aufzuklären und den Nachgeborenen die Mechanismen einer Diktatur deutlich zu machen. Das soll den Grad einer politischen Entfremdung verdeutlichen, die nicht nur aus Opportunismus, sondern vor allem aus Angst erwachsen war.

Eine Ihrer Thesen ist, dass die meisten "Überlebenden" einig seien in der Ansicht, dass das System DDR nur wenig mit einem selbst zu tun hatte. Was hatten Sie mit der DDR zu tun?

H.M.: Unsere Äußerung war ein ironischer Verweis auf die Tatsache, dass viele ehemalige DDR-Bürger und auch Täter behaupten, sie hätten nichts damit zu tun gehabt, seien vielmehr Opfer der Verhältnisse etc. gewesen. Bei einigen Menschen hat man tatsächlich den Eindruck: Der Weg vom fürsorglich bevormundeten Untertanen zum Bürger ist lang, und die Entwicklungs- und Verhaltensweisen und Mentalitäten hinken einer erforderlichen Umstellung auf offene und zivile Gesellschaften nach. Die DDR hat sich in uns eingeschrieben. Die Antihaltung gegenüber diesem System war in Freundeskreisen völlig normal, und wir haben diese nicht als Heldentat empfunden, sondern als Selbstverständlichkeit.

In "Trivial", sagen Sie, hätten Sie sich mit den Mitteln des klassischen Sprechtheaters freigespielt. Heißt das, dass Sie jetzt wieder mehr mit/auf unterschiedlichen medialen Ebenen spielen?

P.M.: Ja. Jetzt spannen wir mit großer Freude den Bogen aus der Vergangenheit in die Zukunft und fragen nicht nur nach den Tätern von damals, sondern auch nach linken Utopien heute. Es ist eine Collage mit eigenen Texten. Das war uns nach Trivialroman noch einmal ein Bedürfnis. Mit dem Komponisten Nikolaus Woernle haben wir z.B. ein Schlagwerktrio etabliert, das im zeitgemäßen Electro Style Propaganda-Parolen musikalisch aufbereitet. Die Verhörprotokolle haben wir als eine andere Ebene verfilmt: Wir haben unter dem Namen einer fiktiven Schülerin E-Mails an Parteien und politische Organisationen wie die KPD oder die immer noch existierende FDJ versendet und naive Fragen im Bezug zur DDR und der Idee des Kommunismus gestellt. Die Antworten waren zum Teil erschreckend.

In welchem Verhältnis sehen Sie Utopie und Verdrängung?

P.M.: Wenn wir von der Utopie des Kommunismus sprechen, haben wir die Antwort bereits im Bezug auf die historischen Tatsachen gegeben. Wahrnehmung ist leider selektiv und orientiert sich mehr an Moral, Wünschen, Gefühlen als an Fakten und politischen Tatsachen. Durch die "Schmerzen der Freiheit" verklären viele, auch ehemalige DDR-Intellektuelle, die DDR, z.B. mit ihrem Glauben an einen Dritten Weg.

H.M.: Hans Joachim Schädlich hat das sehr treffend gesagt. Nach dem Motto "Wenn wir unser Zuchthaus reformieren, wird es darin schön..." In unserer immer komplexeren Welt sollten sich eigentlich für die Zukunft kommunistische Utopien verbieten. Dadurch ist sie vielleicht langweiliger, aber auf lange Sicht muss ja durch die Vielzahl der zu lösenden Probleme eine Utopie wachsen, die auch den Praxistest besteht. Die ist dann vielleicht nicht das Paradies auf Erden, aber dem Wesen des Menschen angemessen.
DNN | 02. April 2009

Formen geistigen Vakuums
Norton-commander-productions mit "Das Leben des Einen" im Societaetstheater
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Der Blick zurück ist nötig, doch der nach vorn braucht offenbar auch ohne Finanzkrise neue Ideen. Harriet und Peter Meining (Regie, Bühne, Buch) provozieren auf vordergründig unterhaltsame Weise eine Art von Streitkultur, die sich nicht von vornherein am Festhalten an "ein für allemal feststehenden" Begriffen erschöpft, sondern den Weg ins Offene sucht. Auch im Formalen, in der Transparenz des Machens, des Prozesses vom scheinbar dilettantischen Suchen bis zur professionellen Genauigkeit im Umgang mit den vom Low-Budget vorgegebenen Mitteln. Eine Aufwertung durch Prominenz, deren (mediale) Präsenz ja einst auch als Rechtfertigung der Inszenierungsmethode erschien, vermisst man nicht. Höchstens mal einer Zurücknahme, wo der berechtigt böse Spaß in ein reines Grimassenspiel abdriftet.
DNN | 06.April 2009

Die Partei, die hat immer recht
Im Societaetstheater wirft das Ensemble norton.commander.productions. einen schnellen Blick auf deutsche Geschichte.
SZ | 6. April 2009

Mitwirkende

Regie: Harriet Maria und Peter Meining | Spiel: Pascal Schiller, Thomas Neumann, Christian Wittman u.a.

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