SZENEN EINER EHE

Detail

SZENEN EINER EHE

(Ingmar Bergman)

Johan und Marianne sind seit zehn Jahren verheiratet, haben zwei wunderbare Kinder, Beruf und Freunde - ein strahlendes Vorzeigepaar. Als Johan verkündet, dass er sich in eine Jüngere verliebt hat, bröckelt die heilige Fassade... Eine Auseinandersetzung beginnt, in der die beiden ängstlich, fröhlich, selbstsüchtig, dumm, lieb, klug, aufopfernd, ergeben, wütend, sanft, sentimental, unausstehlich und liebenswert - eben menschlich - um ihre Liebe kämpfen. Und es ist beruhigend, erheiternd, ja zum Totlachen komisch, ihnen dabei zuzusehen.
"Ein differenziertes, sehr genaues Psychogramm einer Beziehung." (SZ)


Fotos: Max Messer

pressestimmen

NEUER START NACH ENTLASSUNG IN DIE FREIHEIT

Mario Grünewald stand 17 Jahre auf der Bühne des Staatsschauspiels. Jetzt ist er freischaffend und spielt am Societaetstheater in "Szenen einer Ehe".
Er flüstert, er schreit, er verzweifelt - Mario Grünewald lebt mit vollem Einsatz die Figur des Johan in "Szenen einer Ehe". Das bringt ihm am Ende viel Beifall, ebenso Angela Schlabinger, die die Marianne mit gleicher Intensität spielt. Seit Freitag steht diese gelungene Bühnenfassung des Kultfilms von Ingmar Bergman in der Regie von Gerald Gluht im Programm des Societaetstheaters. In etwa 70 Minuten erlebt der Zuschauer eine Achterbahn der Gefühle.
"Szenen einer Ehe" ist ein differenziertes, sehr genaues Psychogramm einer Beziehung. Ein Kammerspiel, in dem die beiden Akteure auf sich gestellt sind, über Dialoge das Geschehen dem Zuschauer nahebringen. Bewegend wird dies durch das funktionierende Zusammenspiel der beiden Darsteller. Die zwei kennen sich, spielten schon beim Batzdorfer Sommertheater zusammen. Einer der wenigen Auftritte Grünewalds außerhalb des Dresdner Staatsschauspiels.
Das Leben kann grausam sein
Am Ende verlässt ein glücklicher Grünewald die Bühne des Societaetstheaters. Ein neuer Start für den ehemaligen Staatsschauspieler, der noch vor einigen Monaten das Gefühl hatte, in ein großes Loch zu fallen. Denn das Leben kann so grausam sein. Wenn ein Schauspieler 15 Jahre zu einem Ensemble gehört, ist er unkündbar. Mario Grünewald gehörte 14 Jahre und einige Monate zum Dresdner Staatsschauspiel. Auf den Bühnen im Schauspielhaus und im Kleinen Haus stand er sogar insgesamt 17 Jahre. Er kam als Student der Hochschule für Schauspielkunst Leipzig mit dem Schauspielstudio nach Dresden, spielte kleine, dann immer größere Rollen. Die Kritiker lobten seine Intensität, seine Vielfalt. Auch im Ensemble mochte man ihn, den Bodenständigen, dessen erstes Berufsziel Schlosser war.
Wenn er in die Kantine kam, gab es viel zu lachen. Für Erzählstoff sorgten schon sein Kaninchen Johanna, welches eigentlich ein Johannes ist, und seine irische Wolfshündin Alice - benannt nach "Alice im Wunderland". "Wenn es ein Rüde geworden wäre, hätten meine Lebensgefährtin und ich ihn Mr. Stringer genannt: Wir sind Miss-Marple-Fans, und das ist der Name des Bibliothekars, der die Detektivin begleitet.
So lief alles für den heute 42 Jährigen in geregelten Bahnen, bis der Brief aus dem Staatsschauspiel kam: "... spreche Ihnen die Nichtverlängerung aus." Rechtlich ein völlig korrekter Vorgang. "Es dauerte eine Weile, ehe ich begriff, was da stand - obwohl es nur drei Zeilen waren. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Raus, ich war raus. Was würde nun kommen?"
Zur Verwunderung des Schauspielers kamen viele Anrufe. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass Mario Grünewald jetzt "frei" war. Zunächst engagierte ihn ein Freund für das Sommertheater im Bärenzwinger. In der Komödie ergab sich eine Übernahme in den Baba Jaga-Inszenierungen. Schließlich fragte das Societaetstheater an, ob er den Johan in "Szenen einer Ehe" spielen wolle. "Als Freischaffender zögerst du bei so einer Rolle nicht lange. Auch wenn parallel schon etwas läuft." Bei Mario Grünewald war das die Arbeit an der Inszenierung "Die Umsiedlerin" an den Landesbühnen. "Die wollten mich als Gast. Ich spiele den Bürgermeister."
Schmerzvolle Trennung
Der Johan wurde dann wirklich zu einer Herausforderung. "Ich wusste, dass da ein harter Knochen auf mich zukam. Die Geschichte geht unter die Haut. Frust, Ohnmacht, Missverständnisse, angestaut über Jahre, drängen an die Oberfläche. Die Geschichte nimmst du mit nach Hause. Als Darsteller und auch als Zuschauer." Womit Mario Grünewald völlig richtig liegt.
Sächsische Zeitung 28.09.2009

VOM SCHEITERN EINER KOALITION
Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" hatte als Theaterversion Premiere am Societaetstheater

Eheversprechen funktionieren oft wie Koalitionsaussagen von Parteien: Unterschiede werden weggelächelt, Konfliktpotential nach dem Motto "Tritt sich fest!" gemeinschaftlich unter dem Teppich verscharrt, und es soIl sogar vorkommen, dass ein wenig gelogen wird. Man zeigt sich davon überzeugt, dass schon alles irgendwie gutgeht, wenn sich die Koalitionspartner nur genügend anstrengen, und in einem euphorischen Rausch werden unerfüllbare Zusagen gemacht. Das kann funktionieren - muss aber nicht. Wie es aussieht, wenn das nicht funktioniert, zeigte 1973 der schwedische Regisseur Ingmar Bergman in seinem Film "Szenen einer Ehe", dessen Theaterversion jetzt am Societaetstheater Premiere hatte. Angela Schlabinger und Mario Grünewald spielen das vermeintliche Vorzeigepaar Johan und Marianne, das nach zehn traumhaften Ehejahren mitten im Koalitionskrach erwacht: Johan hat sich in eine 23-jährige Studentin verliebt und will mit ihr fortgehen. Bald schon wird klar, dass seine neue Liebe nicht die Ursache, sondern nur das Symptom eines bereits lange existenten Konfliktes ist. "Es ist die Problemlosigkeit, die ein ernsthaftes Problem darstellt", erkennen die Ehepartner, und das Publikum leidet und lacht mit, wenn sie sich lieben, schlagen, streiten, versöhnen, um am Ende eine Möglichkeit zu finden, einander zumindest nicht zu töten.
Regisseur Gerald Gluth lässt die Beziehung der Protagonisten als Tanz über eine leere Bühne gehen, von deren Decke Schnüre wie Ehejahre herabhängen: Gemeinsame Vergangenheit tropft in die Gegenwart. Johan und Marianne verheddern sich in ihr, reißen sie aus oder schneiden sie wütend ab. "Daran sind unsere Mütter schuld", konstatieren die Eheleute aufgebracht, Freud hätte seine Freude daran. Aber sie suchen weiter und fordern Wahrhaftigkeit, in der sich immer auch das Wörtchen "Haft" versteckt, und so stehen sie mitunter hinter den Stricken wie hinter Gefängnisgitterstäben oder benutzen sie als Fesseln, mit denen das Gegenüber eingewickelt und bewegungsunfähig gemacht wird. Ihr Tanz kippt leicht in einen Kampf, und aus gewaltsamem Ringen entsteht wiederum ein neuer Tanz: Alles fließt.
Im Gegensatz zur filmischen Vorlage, die komplett ohne Begleitmusik auskommt, spielt Filmmusik in der Theaterversion eine große Rolle. Stücke, die man aus David Lynchs "Mullholland Drive" oder der "Fabelhaften Welt der Amelie" kennt, werden gekonnt platziert, um Stimmungen zu unterstreichen oder zu konterkarieren. Im Unterschied zum fast dreistündigen Kinofilm, der bereits gekürzten Variante einer sechsteiligen Fernsehserie, muss das Theaterstück die Geschichte jedoch erheblich straffen und bietet deshalb deutlich weniger Raum für ein nuanciertes Psychogramm der Eheleute. Es gelingt nur teilweise, den Stoff in die 70-minütige Bühnenversion zu pressen: Wir sehen nicht das langsam und leise kriechende Unglück, das sich in eine zuerst unbemerkt ausbreitet. Das Theaterstück kann sich nicht viel Zeit lassen, um die Charaktere und ihre Situation schlüssig werden zu lassen.
Stattdessen befindet der Zuschauer ziemlich schnell "im Auge de Orkans". Die Schauspieler geben ihr Bestes, die Charaktere in der Kürze der Zeit plastisch werden zu lassen, wobei man jedoch in einem Energiebündel wie Mario Grünewald nur bedingt den angepassten Universitätsdozenten Johan erkennt, der sich in ein Affärchen flüchtet, um nach Beendigung der Liaison wieder an den Rockzipfel der Hausfrau zurück zu kriechen ("Du kochst so gut").Einen Schauspieler wie ihn möchte man im Grunde in ganz anderen, größeren Rollen explodieren und Funken schlagen sehen, wenn schon das Staatsschauspiel den Fehler gemacht hat, auf ihn zu verzichten.
Die Frage, wozu ein Theaterstück als Bearbeitung eines langen Filmes gebraucht wird, kann die Inszenierung trotz der Leistung ihrer Schauspieler nicht beantworten; zumal mit Heiner Müllers "Quartett" vor kurzem ein Zwei-Personen-Drama mit ähnlicher Thematik am Societaetstheater Premiere hatte.
Anders als dort, gelingt in "Szenen einer Ehe" jedoch eine Art Lösungsvorschlag: Wie zwei Menschen beständig wandeln darf auch ihre Beziehung sich in neuen Formen entwickeln, wie ein Tanz. Das statische Verweilen in einem Augenblick, der doch vermeintlich schön ist, bedeutet stets den Anfang vom Ende. Als Marianne und Johan das erkannt haben und nicht mehr dagegen und miteinander kämpfen, scheint etwas wie Zukunft möglich.
DNN vom 28.09.2009

Mitwirkende

Regie: Gerald Gluth | Spiel: Angela Schlabinger, Mario Grünewald

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