AUF DIE SÄRGE KLATSCHT DIE TRÄNE
Hommage an den Sprachakrobaten und Wortzauberer Ernst Jandl
(statt-theater FASSUNGSLOS)
Der Duden hat Pause, die Grammatik wird auf Urlaub geschickt und das ABC scheint in Unordnung geraten. Das statt-theater FASSUNGSLOS aus Dresden steht im Ruf, die beste Interpretation Ernst Jandl'scher Texte zu liefern; mit AUF DIE SÄRGE KLATSCHT DIE TRÄNE präsentieren Bertram Quosdorf und Robby Langer eine Hommage an den akrobatischen Wechsstabenverbuchsler aus Österreich. In einer absurden Abfolge rhythmischer Sprachkaskaden, skurriler Musikalität und grotesken Humors offenbart sich hier Un- mit Hintersinn. Jandls Vorliebe für hintergründige, manchmal bösartige, aber so gut wie immer humorvolle Poesie setzen die Lyrik- und Jazz-Akrobaten erfrischend und mit viel Spaß an seiner Sprache um. Was dabei herauskommt, ist eine schräge Collage voller Poesie und hintergründigem Humor.
"Die Spieler entfachten ein Feuerwerk der Wortakrobatik und musikalischen Artistik, das mit dem schlichten Adjektiv "toll" zu bezeichnen ist. So geriet das Zelt in einen aberwitzigen Taumel aus messerscharf gesetzten Sprachattacken und musikalischer Kleinkunst: So geriet man außer Fassung." (Schwäbische Zeitung)
pressestimmen
Die Schuhe des Herrn Rilke
Das statt-theater FASSUNGSLOS bot auf der Studiobühne Jandl Kompakt
Die beiden Gestalten auf der Bühne sehen reichlich abgeschabbelt aus. Der Frack des einen hat schon bessere Tage gesehen, der andere trägt eine seltsame, schornsteinfegerhafte Montur. Die Gesichter sind unnatürlich bleich, und dann reden die beiden auch noch ziemlich unverständlich daher. Kein Wort scheint zum anderen zu passen, selbst die Silben und Buchstaben geraten durcheinander, als hätten sie getrunken.
Was ja auch kein Wunder ist, befinden wir uns doch mitten in einem Ernst-Jandl-Abend. Mit "Auf die Särge klatscht die Träne" hat das Dresdner Statt-Theater Fassungslos die anarchischen Verse des genialen Wiener Wechstabenverbuchslers zu einem kompakten Theaterabend verdichtet, einer wundervoll schrägen Collage aus inszenierier Lyrik und Jazzmusik. Am Dienstag waren Bertram Quosdorf und Robby Langer auf Einladung des Werner-Bohrer-Kreises in Lippstadt zu Gast.
Sind Jandls Verse heute noch aktuell? Wer das Dresdner Duo auf der Bühne sieht, kann daran kaum einen Zweifel haben. Fassungslos beschäftigt sich seit 1987 mit dem Dichter, der sie durch die persönliche Mitarbeit bei mehreren Projekten gleichsam geadelt hat. Entsprechend scheint dem Duo die Jandl'sche Wortakrobatik quasi in Fleisch und Blut übergegangen zu sein.
Quosdorf und Langer erfüllen die Verse mit einer ungeheuren Vitalitat, verwandeln jeden Text in ein kleines Dramolett, das immer wieder aufs neue das Scheitern der Kommunikation vor Augen führt. Der Sprache entgleitet die Wirklichkeit, sie wird selbst zum Material, zur eigenen Realität, ohne jedoch den Bezug zum Irdischen ganz zu verlieren.
Im Gegenteil: Jandl holt immer wieder das Große, Erhabene, durch seine grotesken, witzigen und manchmal auch bitterbösen Sprachexperimente auf den Boden der Tatsache zurück. So erklärt er den Menschen schlicht zur "Scheißmaschine" und erfreut mit Erkenntnissen wie: "Jeder Schuh Rilkes war einer von zweien, Rilke in Schuhen trug immer zwei."
Kunst-Schmutzen, Vaterland schutzen
Dass das Ganze nicht nur harmlose Spielereien sind, merkt man spätestens, wenn sich plötzlich "Kunst-Schmutzen" auf "Vaterland schutzen" reimt. Die historische Erfahrung ist bei Jandl stets präsent. Die beiden skurrilen Gestalten auf der Bühne durchleben dabei das ganze Spektrum menschlicher Emotionen, sie zanken sich, reden lautstark aufeinander ein und aneinander vorbei, finden sich für einen Moment, um dann wieder mit sich und ihren Sprachfetzen allein zu sein. Mit schrägem, zum Teil wunderbar brachialem Jazz setzen Quosdorf (Saxophon, Klarinette, Schlagzeug) und Langer (Gitarre, Mandoline) das Spiel auf musikalischer Ebene fort und geben der Sache so die richtige Würze. Ein sehr feiner Abend, der jedoch deutlich mehr Zuschauer verdient gehabt hätte.
Von "bal" | Lippstadt, 07.10.2004
Grammatik auf Urlaub - Wortkaskaden prasseln nieder
statt-theater FASSUNGSLOS entfesselt Sprachfeuerwerk
Mit schriller Wortakrobatik, steinerweichender Mimik, clownesk begleitet vom eigenen Kleinorchester, setzten Bertram Quosdorf und Robby Langer vom Statt-Theater Fassungslos neue Maßstäbe in Kunst und Bühne. Das erlesene Publikum wusste es zu schätzen. Doch die Celler waren vorgewarnt:
Der Duden habe Pause, die Grammatik werde auf Urlaub geschickt und das ABC gerate in Unordnung, hieß es in der Vorankündigung der dort hochgelobten Interpreten.
Und trotzdem war man baff-erstaunt über die Darbietung prasselnder Wortkaskaden, skurriler Verballhornungen der deutschen Sprache und einem Buchstaben- und Wortsalat, der einer eigenen, schwer zu durchdringenden Ordnung zu entspringen schien.
Gleichwohl, es waren hier hochkonzentrierte Profis am Werk, die nebenbei auch optisch etwas hermachten. Wer mit verbalen Verständnislücken nicht zurecht kam, kam durch die schauspielerische Leistung und das witzige Minenspiel der beiden skurril gekleideten, bleich und komödiantisch geschminkten Typen auf seine Kosten.
Mal kerzengerade stehend, mal fast auf der Bühne liegend und plötzlich auch ineinander verschlungen, sorgten Quosdorf und Langer schwallend und spielend für blitzende Augen und anerkennend-mitfühlendes Lächeln, unterbrochen von szenischem Applaus.
Der eine philosophierte noch "so viel oh Sophie" und sprach damit eindeutig den Kopf an, während der andere scheinbar gelangweilt, aber urkomisch die Augen verdrehte und damit gleichzeitig das Zwerchfell reizte.
So hatte man doppeltes Programm für den einfachen Preis - und obendrein gab es noch fetzige Musikeinlagen, die ebenso engagiert wie gut hörbar vorwiegend auf Saxophon und Gitarre vorgetragen wurden. Mit den Worten "Deutsch Sprach sein Kunst" und "in Kunst viel nicht gut sein" verabschiedete sich das Duo, leider ohne Zugabe, vom Publikum. Das blieb scheinbar fassungslos zurück und verharrte auf den Plätzen. Kein Wunder, denn so ein Sprachfeuerwerk nach Ernst Jandl will ein Weilchen verdaut sein.
Von Karsten Hälbig | Cellesche Zeitung 14.10.2004
Mitwirkende
Spiel und Musik: Robby Langer, Bertram Quosdorf

