FILMFEST DRESDEN *4

Pressestimmen

zum festival szene:polen

ES TROPFT AUS PAPIER
Das Societaetstheater Dresden zeigt die Vielfalt der jungen freien Theaterszene Polens.

Es briezelt und knistert, auf der kaum erleuchteten Kleinen Bühne des Dresdner Societaetstheaters. Nur dünne Streifen kaltweißen Lichts biegen und winden sich; minutenlang. Mit etwas Geduld sieht das Publikum den Raum in die Tiefe wachsen, wird hypnotisiert und lässt sich die Ohren betäuben.
"Kosmos" heißt das von Überlegungen Wassily Kandinskys inspirierte Stück aus Lublin, in dem sich ein einzelner Tänzer durch die Illusion aus Licht, Farbe und Klang bewegt, mal unendlich langsam, dann gehetzt; von vielen Schatten verfolgt, bis er im Netz klarer Linien erstarrt und erlischt.
Das polnische Tanzstück fasziniert und verstört, weil es die Einheit von Raum und Zeit ins Wanken bringt. Aber es ist nur ein Augenaufschlag in dem großen Einblick, den das Societaetstheater seit dem Wochenende in die junge, freie Theaterszene des östlichen Nachbarlandes gewährt. Das Festival "Szene Polen" zeigt noch bis zum Sonntag, wie vielseitig und einfallsreich polnische Theatermacher arbeiten: skurril, asketisch, sehr körperlich, ohne Worte. Mit Bildern, die für größere Zusammenhänge stehen: Die Hoffnung am Abgrund, der rettende Witz, der schmale Grat zwischen Glück und Schmerz erschließen sich häufig über Assoziationen, kleine Gesten, Musik.
Das "Sentimentale Stück für vier Schauspieler" aus Warschau zum Beispiel erzählt sehr viel mit einfachsten Mitteln. Bis auf ein paar Bambusstäbe; gespannte Schnüre und Karabinerhaken ist alles aus Papier. Einer der vier Junggesellen holt ein verknittertes Handy hervor, Klarinettist und Geiger lassen das Handy klingeln und eine Telefonstimme plappern. Am Tag wandern Verkehrsschilder auf der Leine vorbei, die Instrumente tuten und lärmen wie Straßenkrach. In der Nacht ziehen Großer Wagen, Saturn, Fische und Zwillinge aus Pappe still ums Haus. Zu den faszinierendsten Szenen gehört die Illusion von Bewegung: Wenn auf einem Rollo Tropfen fallen oder eine Ratte bei kreischender Musik einen Menschen verschlingt. Sehr begeistert ist das Publikum von dieser Vorstellung der Gruppe Teatr Montownia, die zu den wichtigsten in Polen zählt.
Doch "Szene Polen" bietet mehr Filme, Konzerte, Vorträge. Vom Dresdner Kurzfilmfestival hat das Societaetstheater einiges ausgeborgt, um auch das aktuelle polnische Filmschaffen anzureißen. Interessant sind hier die experimentellen filmischen Mittel. Den versoffenen Blick eines Alkoholikers etwa imitiert eine verschwommene subjektive Kameraführung. Der Film läuft rückwärts, sodass eine Leiche wieder zum blühend schönen Leben erwacht.
Polnische Seele im Alltag
Der Blick in die polnische Seele, ob sie nun Mythos ist oder Klischee, bleibt aber Sache des Theaters. So schrecken Leute aus ihrem Alltag, als sie Anfang der Woche nichts ahnend in der halb verregneten Dresdner Innenstadt einer clownesken Hochzeitsgesellschaft auf Rädern begegnen, ausgestattet mit komischen Gegenständen wie Luftballonaffen, Papierblumen und riesigen Engelsflügeln. Aus einem Grammofon - Papptrichter und Abflussrohre mit Goldband beklebt - klingt verzerrt und knackend polnische Musik, traurig-pathetisch, alles in Moll. Die Eile des Alltags, die schrillen Figuren, die tragischen Melodien: Sehr polnisch sind diese extremen Kontraste von Glück und Schwermut, von Tradition und Aberwitz. Und wer sich anrühren lässt, lernte mit einem Schluck Sekt gleich noch die polnische Gastfreundschaft kennen.
SZ vom 07.05.2010

MAL BETÖREND, MAL VERSTÖREND
Tanzstücke beim Festival "szene: Polen" im Societaetstheater

Nachdem sich die Augen an die Dunkelheit im Gutmann-Saal des Societaetstheaters gewöhnt haben, erkennt man einen Mann. Er kommt von oben. Seilt sich ab. Sehr sehr langsam. Ein bisschen erinnert die dunkle Gestalt an einen Ninja-Krieger. Aber letztlich ist der Mann ein Tänzer. Es ist Wojtek Kapron vom Lubelski Teatr Tanca & Kilku.com aus Lublin, das zum Festival "szene: Polen", das noch bis Sonntag vom Societaetstheater ausgerichtet wird, die Choreographie "Kosmos" beisteuerte.
Inspiriert war das Werk von Bildern und Schriften Wassily Kandinskys, speziell der Veröffentlichung "Punkt und Linie zu Fläche". Mal wieder geht es - das wird ja häufig und gern beschworen - um "innere Spannung und äußere Reize". Kapron scheint in einer Art Zelle zu liegen. Seine Figur fühlt sich beengt. Will raus. Kann nicht. Bekommt einen Koller. Man sieht ihm den körperlichen Schmerz an, die Pein, die seelische wie körperliche, auch wenn keine direkte Gewalt ausgeübt wird. Man kommt ohne Worte aus, leider nicht ohne Musik. Es ist die Geräuschkulisse des Todes, die da kreischend dröhnt - und nervt.
Da war das Stück "Normale Bedürfnisse", das das Teatr A Part aus Kattowitz präsentierte, von ganz anderem Kaliber. Was für eine Ästhetik, was für Bilder. Kraftvoll, Ausdrucksstark. Meistens betörend, nicht selten aber auch verstörend, ohne nun aber gleich vor den Kopf zu stoßen. Und ein großes Lob an Maceij Dziaczko und Marcin Herich, die das mit famoser Musik unterlegte Geschehen auf der Bühne und die drei Tänzerinnen, zu denen sich bei der ein oder anderen Gelegenheit noch ein Mann gesellte, in ein Licht tauchten, das einfach verzauberte. Gerade weil der Übergang zwischen Hell und Dunkel so fließend war, fast schon Rembrandtsche Qualität hatte.
Plastetüten spielen eine große Rolle in diesem von Herich inszenierten Tanztheater. Mal wird eine aus dem Mund gewürgt, mal eine sich über den Kopf gezogen, mal eine um den Knöchel gewickelt. Nackte Haut ist viel zu sehen, aber eigentlich doch wieder nicht wirklich. Die Bilder, sie entstehen im Kopf - und der Fantasie darf vielfach freier Lauf gelassen werden. Pornografisch wird es nie, die ein oder andere eher Zurschaustellung des Körpers erinnert in aller Schönheit und Verletzlichkeit an Burlesque-Tanz. Gelegentlich folgt auf die Sinnlichkeit der Schrecken. Da treten etwa aus dem Dunkel zwei Frauen - als Traum in Weiß. Dann beginnen sie sich zu kratzen. Immer verzweifelter. Immer schneller. Dann ist die Pein vorbei, zeigen die Aktricen Bein. Die Haut ist nicht weiß wie Schnee, sondern rot wie Blut. DNN 08./09.05.2010


GUTES VOM NACHBARN
»SZENE:POLEN« IM SOCIETAETSTHEATER

In Zeiten von Budgetkürzungen und Theaterschließungen kann die erfolgreiche Etablierung einer neuen Festivalreihe nicht genug bestaunt werden. Das Societaetstheater - auch sonst mit Profilierung und Auslastungszahlen auf einem guten Weg - fand thematisch eine Lücke im reichhaltigen Dresdner Kulturangebot und mit der Kulturstiftung der Dresdner Bank einen finanziell verlässlichen Kooperationspartner. Nach Frankreich, der Republik Moldau und der Schweiz liegt der Fokus beim inzwischen vierten Jahrgang auf dem Kulturleben im Nachbarland Polen. Die polnische Theaterszene vermochte schon seit jeher in Europa eigene Akzente zu setzen. Neben den etablierten Kulturinstitutionen treten nun aber auch junge, professionelle freie Theater ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die vor allem von einer starken Bild- und Körpersprache leben. Das Festivalprogramm wird vom 1. bis 9. Mai dominiert von Gastspielen im Bereich Straßentheater, Tanz und Sprechtheater. Es werden aber auch ein Animations- und Spielfilmprogramm, szenische Lesungen, Vorträge und ein Konzert zu erleben sein.
Den Auftakt bildet ein Theaterworkshop für theaterinteressierte Amateure mit Polens bekanntester freier Theatergruppe Teatre Cinema aus Poznan. Sie zeigt auch ihre Inszenierung »Eine kurze Geschichte des Gleichschritts«. Mit zwei Inszenierungen stellt sich das junge Tanztheater Teatr A part vor, das einen ganz eigenen Bewegungstheaterstil entwickelt. Ungewöhnlich auch die Straßentheateraktion »Die Radfahrer«, die an drei Tagen in der Innenstadt zu erleben sein wird, sowie das netTheatre aus Lublin mit der Produktion »Turandot«. Der gefragte Jungregisseur Pawel Passini arbeitet dafür mit einem Chor von Dresdner Laiendarstellern zusammen.
SAX-MAGAZIN Mai 2010

IRRWITZIGE ZWEIRADPARADE UND HÄUSER AUS PAPIER
Polen zu Gast beim Theaterfestival "szene:Europa" im Societaetstheater

Kunterbunt geht es zu in Dresden. Eine total verrückte Hochzeitsparade schlängelt sich auf den irrwitzigsten Zweirädern am Fürstenzug vorbei. Vier Personen verkriechen sich in einem Häuschen aus Papier. Tänzer malen tiefschwarze Traumbilder. Nach Frankreich, Moldau und der Schweiz spielen nun die Polen auf, beim 4. Theaterfestival der »szene:Europa«-Reihe des Dresdner Societaetstheaters. Eine junge selbstbewusste Generation katapultierte durch Humor und nie gekannte Spielfreude das neue freie polnische Theater ins nächste Jahrtausend und wird dafür national und international gefeiert.
Nun können auch die Dresdner vom 1. bis 9. Mai Theaterensembles wie das Teatr Cinema, A Part und Porywacze Cial in zehn Stücken und Shows in Aktion erleben. Und das überraschend oft rein körperlich, denn Großteil des Bühnenprogramms kommt (fast) ohne Worte aus. Beispielhaft ist ein »Sentimentales Stück für vier Schauspieler« des Teatr Montownia am 5. Mai, das in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Bildende Künste entsteht und nur mit einem aus Papier geschnittenen Haus als Requisite das wortlose Leben einer Single-Männer-WG darzustellen versucht. Doch auch das gesprochene Theater findet seinen Platz, und wird, wenn nötig, simultan ins Deutsche übersetzt. Pawel Passinis »Turandot« am 2. Mai zeigt gemeinsam mit dem »neTTheatre« Lublin und einem Dresdner Laienchor die letzten Lebenswochen des Opern-Komponisten Puccini, der im Kampf gegen den Krebs immer stärkere Realitätsverluste erleidet und eine Puppe als ein letzten Verbündeten sieht. Bei soviel Tragik und Tiefsinn rundet sich der polnisch-deutsche Kulturaustausch schließlich noch mit Vorträgen, Konzerten, Lesungen gut ab.
DRESDNER Mai 2010