SZENEN EINER EHE
(Ingmar Bergman)
Johan und Marianne sind seit zehn Jahren verheiratet, haben zwei wunderbare Kinder, Beruf und Freunde - ein strahlendes Vorzeigepaar. Als Johan verkündet, dass er sich in eine Jüngere verliebt hat, bröckelt die heilige Fassade... Eine Auseinandersetzung beginnt, in der die beiden ängstlich, fröhlich, selbstsüchtig, dumm, lieb, klug, aufopfernd, ergeben, wütend, sanft, sentimental, unausstehlich und liebenswert - eben menschlich - um ihre Liebe kämpfen. Und es ist beruhigend, erheiternd, ja zum Totlachen komisch, ihnen dabei zuzusehen.
"Ein differenziertes, sehr genaues Psychogramm einer Beziehung." (SZ)
Fotos: Max Messer
pressestimmen
Die Ehe ist ein Drama
Bergmans Film „Szenen einer Ehe" verliert im Societaetstheater auch als Bühnenfassung nichts von seiner fesselnden Intensität.
Unter jedem Dach gibt's ein Ach - schon in den 70er Jahren bewies Ingmar Bergman, dass die Institution Ehe ihre Tücken hat. Als seine sechsteilige Serie „Szenen einer Ehe" in Schweden über die Bildschirme flimmerte, sollen die Straßen leer gefegt gewesen sein. Die Filmversion zog dann auf der ganzen Welt die Menschen in Scharen ins Kino. Wir finden uns wieder in den Eheleuten Johan und Marianne, den beiden Figuren, die Bergman geschaffen hat. Wie in einem Spiegel hält er uns die Probleme einer Partnerschaft vor.
Am Societaetstheater ist eine Bühnenfassung zu erleben, die dieses nuancierte Psychogramm einer Ehe fesselnd erleben lässt. Doch diese„ Szenen einer Ehe" haben einen Vorteil. Sie sind auch sehr komisch. Sodass der Zuschauer mehr beruhigt als deprimiert das Theater verlässt. Johan und Marianne sind seit zehn Jahren verheiratet und werden in einem Zeitungsartikel als vorbildliches Ehepaar präsentiert. Sie haben zwei Kinder, sind anerkannt im Beruf und scheinbar glücklich: Als, Johan verkündet, dass er sich in eine jüngere verliebt hat, bröckelt die Fassade: In der Inszenierung von Gerald Gluth kämpfen Angela Schlabinger und Mario Grünewald ängstlich und fröhlich, dumm und klug, sanft und wütend um ihre Liebe. Ratlos suchen ihr Johan und ihre Marianne, wodurch verglühte, was einst brannte. Sie flüstern, schreien, klammern sich aneinander und bieten ein sehr lebendiges Kammerspiel. In etwa 70 Minuten erlebt der Zuschauer eine Achter bahn der Gefühle: „Das muss doch irgendwie klappen, das kann doch nicht unlösbar sein. Wir fliegen zum Mond, wir sind via Netz mit fast der ganzen Menschheit verbunden, dann werden wir es doch hinkriegen, die Verbindung zum nächsten zu halten!"
Was: Szenen einer Ehe Wann: heute, 20 Uhr Wo: Societaetstheater Tickets: unter 803 6810
Angela Schlabinger und Mario Grünewald kämpfen als Marianne und Johan in „Szenen einer Ehe" mit vollem Körpereinsatz um ihre Liebe.
SZ vom 17.02.2010
VOM SCHEITERN EINER KOALITION
Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" hatte als Theaterversion Premiere am Societaetstheater
Eheversprechen funktionieren oft wie Koalitionsaussagen von Parteien: Unterschiede werden weggelächelt, Konfliktpotential nach dem Motto "Tritt sich fest!" gemeinschaftlich unter dem Teppich verscharrt, und es soIl sogar vorkommen, dass ein wenig gelogen wird. Man zeigt sich davon überzeugt, dass schon alles irgendwie gutgeht, wenn sich die Koalitionspartner nur genügend anstrengen, und in einem euphorischen Rausch werden unerfüllbare Zusagen gemacht. Das kann funktionieren - muss aber nicht. Wie es aussieht, wenn das nicht funktioniert, zeigte 1973 der schwedische Regisseur Ingmar Bergman in seinem Film "Szenen einer Ehe", dessen Theaterversion jetzt am Societaetstheater Premiere hatte. Angela Schlabinger und Mario Grünewald spielen das vermeintliche Vorzeigepaar Johan und Marianne, das nach zehn traumhaften Ehejahren mitten im Koalitionskrach erwacht: Johan hat sich in eine 23-jährige Studentin verliebt und will mit ihr fortgehen. Bald schon wird klar, dass seine neue Liebe nicht die Ursache, sondern nur das Symptom eines bereits lange existenten Konfliktes ist. "Es ist die Problemlosigkeit, die ein ernsthaftes Problem darstellt", erkennen die Ehepartner, und das Publikum leidet und lacht mit, wenn sie sich lieben, schlagen, streiten, versöhnen, um am Ende eine Möglichkeit zu finden, einander zumindest nicht zu töten.
Regisseur Gerald Gluth lässt die Beziehung der Protagonisten als Tanz über eine leere Bühne gehen, von deren Decke Schnüre wie Ehejahre herabhängen: Gemeinsame Vergangenheit tropft in die Gegenwart. Johan und Marianne verheddern sich in ihr, reißen sie aus oder schneiden sie wütend ab. "Daran sind unsere Mütter schuld", konstatieren die Eheleute aufgebracht, Freud hätte seine Freude daran. Aber sie suchen weiter und fordern Wahrhaftigkeit, in der sich immer auch das Wörtchen "Haft" versteckt, und so stehen sie mitunter hinter den Stricken wie hinter Gefängnisgitterstäben oder benutzen sie als Fesseln, mit denen das Gegenüber eingewickelt und bewegungsunfähig gemacht wird. Ihr Tanz kippt leicht in einen Kampf, und aus gewaltsamem Ringen entsteht wiederum ein neuer Tanz: Alles fließt.
Im Gegensatz zur filmischen Vorlage, die komplett ohne Begleitmusik auskommt, spielt Filmmusik in der Theaterversion eine große Rolle. Stücke, die man aus David Lynchs "Mullholland Drive" oder der "Fabelhaften Welt der Amelie" kennt, werden gekonnt platziert, um Stimmungen zu unterstreichen oder zu konterkarieren. Im Unterschied zum fast dreistündigen Kinofilm, der bereits gekürzten Variante einer sechsteiligen Fernsehserie, muss das Theaterstück die Geschichte jedoch erheblich straffen und bietet deshalb deutlich weniger Raum für ein nuanciertes Psychogramm der Eheleute. Es gelingt nur teilweise, den Stoff in die 70-minütige Bühnenversion zu pressen: Wir sehen nicht das langsam und leise kriechende Unglück, das sich in eine zuerst unbemerkt ausbreitet. Das Theaterstück kann sich nicht viel Zeit lassen, um die Charaktere und ihre Situation schlüssig werden zu lassen.
Stattdessen befindet der Zuschauer ziemlich schnell "im Auge de Orkans". Die Schauspieler geben ihr Bestes, die Charaktere in der Kürze der Zeit plastisch werden zu lassen, wobei man jedoch in einem Energiebündel wie Mario Grünewald nur bedingt den angepassten Universitätsdozenten Johan erkennt, der sich in ein Affärchen flüchtet, um nach Beendigung der Liaison wieder an den Rockzipfel der Hausfrau zurück zu kriechen ("Du kochst so gut").Einen Schauspieler wie ihn möchte man im Grunde in ganz anderen, größeren Rollen explodieren und Funken schlagen sehen, wenn schon das Staatsschauspiel den Fehler gemacht hat, auf ihn zu verzichten.
Die Frage, wozu ein Theaterstück als Bearbeitung eines langen Filmes gebraucht wird, kann die Inszenierung trotz der Leistung ihrer Schauspieler nicht beantworten; zumal mit Heiner Müllers "Quartett" vor kurzem ein Zwei-Personen-Drama mit ähnlicher Thematik am Societaetstheater Premiere hatte.
Anders als dort, gelingt in "Szenen einer Ehe" jedoch eine Art Lösungsvorschlag: Wie zwei Menschen beständig wandeln darf auch ihre Beziehung sich in neuen Formen entwickeln, wie ein Tanz. Das statische Verweilen in einem Augenblick, der doch vermeintlich schön ist, bedeutet stets den Anfang vom Ende. Als Marianne und Johan das erkannt haben und nicht mehr dagegen und miteinander kämpfen, scheint etwas wie Zukunft möglich.
DNN vom 28.09.2009
Mitwirkende
Regie: Gerald Gluth | Spiel: Angela Schlabinger, Mario Grünewald





