HORNISSENZEIT

Detail

HORNISSENZEIT

(Jutta Schubert)

Die Schuhverkäuferin Tanja lernt in der Disco Jan kennen - einen Mann, der anders zu sein scheint als ihre bisherigen Beziehungen. Doch schon im Taxi, auf dem Weg zur ersten gemeinsamen Nacht, stellt sich heraus, dass Jan keine Bleibe hat. Wie selbstverständlich lässt Tanja ihn bei sich wohnen. Das Leben ist schön! Doch Stück für Stück bröckelt die Fassade, Tanja gerät in einen Strudel aus Abhängigkeit, Gewalt und Enttäuschung bis sie, das scheinbare Opfer, zur Täterin wird... Am Ende bleibt der jungen Frau nur die eine Frage: Wann wäre der entscheidende Punkt gewesen, an dem sie hätte nein sagen sollen?
"Oda Pretzschners authentisches und vielschichtiges Spiel auf dem klaren, konsequenten, wendungsreichen Text ... feiert die Gattung Solo ... und lässt den Zuschauer vereinnahmt und verstört zurück. Und so nahm sich das Publikum erst Zeit zum Schlucken heraus, ehe der starke Applaus am Premierensonnabend einsetzte." (SZ)
"Pretzschner spielt so überzeugend, ... Respekt vor dieser Leistung." (Wochenkurier)


Fotos: Detlef Ulbrich | www.duks33.de 

Auszüge aus pressestimmen 

Ein modernes Gretchen
Das Societaetstheater läutet die kuschelige Jahreszeit mit einem verstörenden Solostück ein.

[...] Oda Pretzschner betritt die Bühne in violetter Jacke mit Jeansrock und violetter Strumpfhose. Beseelt, fast entrückt, steht sie als Figur Tanja da und lauscht einem stimmungsvollen englischen Lied. Die junge, naive Tanja hat eine Geschichte zu erzählen. So, wie jemand vielleicht in der Straßenbahn (s)eine Geschichte erzählen würde, die er nur Fremden preisgeben kann, weil sie sonst noch schmerzhafter wäre. Tanja erzählt um ihr Leben - von der ersten Minute an. Mit einer liebenswerten Prise Lokalkolorit gibt sie mal verklärt grinsend, mal brüllend aggressiv wieder, wie sie am Neujahrstag „den Jan“ kennengelernt hat. „Na, wolln wir was trinken im neuen Jahr, schöne Frau?“ habe der sie in der Disko gefragt. Natürlich hat kein Mann zuvor sie je so genannt.
Ein Fest der Gattung Solo
Dass „der Jan“ kein Geld und keine Bleibe hat, stört sie nicht. Ebenso wenig, dass er gleich bei ihr einzieht und Taschengeld verlangt. Auch für seine ersten Schläge findet Tanja Erklärungen und Verklärungen. Sie wird zu einem modernen Gretchen, das im falschen Moment dem Falschen gegenüber den Stachel ausfährt - Hornissenzeit. Der Zuschauer wähnt sich sicher.
Es ist ein Glücksumstand und Qualitätsbeweis für die Arbeit des Teams, dass er mit jeder Gewissheit falsch liegen wird.
Das Grandiose dieses kurzen und simplen szenischen Berichts liegt in der Idealzusammensetzung der Künstler. Gewiss lebt eine solche Geschichte um Gewalt und Unterwerfung gerade bei diesem Höchstmaß von Zerbrechlichkeit von seiner Frauenriege. [...] 
17. Oktober 2011  Sächsische Zeitung



„Wenn er wollte, hab ich halt mitgemacht.“
Erschütternder Beziehungsbericht in „Hornissenzeit“ im Societaetstheater

Die Hornissenkönigin baut im Frühjahr ein Nest, in das sie ihre befruchteten Eier bettet und diese allein ernährt. Im Herbst schlüpfen die potenziellen Königinnen und Männchen. Als Tanja im Frühjahr ihre Schwangerschaft bemerkt, ist sie ganz auf sich allein gestellt. Nachdem sie Jan von einer Party mit zu sich nach Hause genommen hat, scheint sie vom Glück übermannt zu sein. Doch schnell offenbart sich Jans wirklicher Charakter. Er lebt von ihrem Geld, macht sie sexuell gefügig und ganz nebenbei schleicht sich die eine oder andere Ohrfeige zur Maßregelung Tanjas ein. Der Beziehungsalltag, der berufliche Stress, den Tanja im Schuhladen hat und die Avancen, die sie von ihrem Arbeitskollegen gemacht bekommt, treten zu Jans Gewalttätigkeit hinzu und lösen endgültig die Beziehungskrise aus. Wieso sie sich nicht von Jan trennen konnte, an welchem Punkt sie in den Entwicklungsverlauf ihres Verhältnisses hätte eingreifen sollen und wie sie ihre Schwangerschaft bewältigte, versucht Tanja zu reflektieren.
Tanja (grandios: Oda Pretzschner) wirkt verlassen auf der riesigen schwarzen Bühne, auf der sich ihr Alter Ego in Form eines Pappaufstellers befindet. Der letzte Funke eines Feuerwerkskörpers verglüht, ehe sich ihr Leben unwiderruflich ändern wird und sie in den Sog aus Gewalt, Schmerz und Unselbstständigkeit gerät. Pretzschner liefert dem Publikum einen Seelen-Striptease, wie er schockierender und eindringlicher nicht sein könnte. Anfangs erzählt sie Tanjas Geschichte noch mit einem verstörenden Lächeln im Gesicht, bevor sie versucht, ihrer Aggression wild tanzend Luft zu machen. „Warum hast Du nicht Schluss gemacht?“ Diese Frage martert den Zuschauer während der erbarmungslosen Berichterstattung. Und wer dann noch glaubt, Tanjas Geschichte könnte schlimmer nicht kommen, der irrt!
November 2011  [kritik.nu!] DRESDNER Kulturmagazin


Bis aller Selbstwert am Boden liegt
Jutta Schuberts „Hornissenzeit“ als eindringliches Ein-Frau-Stück am Dresdner Societaetstheater

[...] Die leere Bühne ziert nur eine lebensgroße Pappfigur der glücklichen Tanja. Unter der Regie von Constanze Kreusch entfernt sich die echte Tanja (brillant gegeben von Oda Pretzschner) Stück für Stück von ihrem Ebenbild, bis nur noch ein Schatten ihrer selbst übrig ist. Das dramatische Abdriften in den Beziehungshorror steckt voller Klischees, wird aber so eindringlich gespielt, dass es wie in einer guten Tragödie ist: Man leidet mit der Geschundenen und wiegt sich doch in der inneren (vielleicht trügerischen) Gewissheit, dass einem selbst so etwas nicht passieren könnte.
Die vorsichtig geflüsterte Frage einer Premierenbesucherin, ob das Stück jetzt zu Ende sei, beweist nicht nur die erfreuliche Kurzbündigkeit, mit der das Thema abgearbeitet wurde, sondern unterstreicht auch das allseits vorherrschende, bedrückende Gefühl, dass es so doch einfach nicht enden darf.
19.Oktober 2011 Hochschulzeitung ad rem

Eingenistet und ausgenutzt
Oda Pretzschner spielt in "Hornissenzeit" eine von Parasiten bedrängte Frau

Zunächst steht da nur ihre Pappkameradin - mit einem ewigen Lächeln und in sacht aufreizender Pose. Jene, die schließlich hinzu kommt, die ihr Abbild auch als Kleiderständer und zuweilen als Ansprechpartner nutzt, ist eine sympathische, eher zurückhaltende Erscheinung. "Na, wolln wir was trinken im neuen Jahr, schöne Frau?" [...] Oda Pretzschner stellt diese Frau glaubhaft in Hoffnungen und Zwängen dar, und sie ist so nah dran am Publikum, dass sich jede Regung, jedes Schwanken, Zögern, Bitten auf ihrem Gesicht wie ein Wetterleuchten wahrnehmen lässt. Selbst schwierigste Brechungen im Spiel, wenn das Maß des Erträglichen überschritten ist, sie nur noch existiert und sich kaum mehr zu helfen weiß, wirken bei ihr nicht aufgesetzt. Und wo Worte unzureichend, einfach unsagbar sind, finden die beiden Frauen auch Sinnbilder in der Bewegung, im Tanz. Ohne dabei Emotionen effektvoll für die Bühne zu forcieren. Eher beiläufig, aufquellend, wie ein Moment, der sich Bahn bricht, unausweichlich ist. Das Erzählte bleibt geraume Zeit tatsächlich ein "Bericht", wo man dem Verhängnis nachspüren kann, sich eins zum anderen fügt und die Ereignisse zunächst nur kleine Katastrophen sind, die sich schließlich zu einem erdrückenden Berg auftürmen. [...]
18.10.2011 DNN

Mitwirkende

Regie: Constanze Kreusch | Spiel: Oda Pretzschner