DIE GELIEBTE STIMME

Detail

DIE GELIEBTE STIMME

(Jean Cocteau)

"Hallo! ... bist du es?" Ein letztes Telefonat mit dem Geliebten. Eine Frau spricht. Sie weiß, dass er sie verlassen wird, um eine andere zu heiraten. Wir hören ihr zu, seine Stimme fehlt. Doch seine Antworten sind zu erahnen. Sie verbirgt, täuscht, lügt, um die Fassung zu bewahren - und offenbart dabei ihr Innerstes. Der psychologisch spannende Monolog ist das berührende Porträt einer Liebe.
Cocteaus Klassiker hatte 1930 seine Uraufführung in Paris und gilt seither als Schauspieltext für Virtuosinnen.
"1930 feierte Jean Cocteaus DIE GELIEBTE STIMME in Paris Uraufführung - dass es 80 Jahre, einige Menschen- und noch mehr Technikgenerationen später immer noch funktionieren kann; zeigt das Dresdner Societaetstheater." (DNN)


Fotos: Max Messer

pressestimmen

Das kurze Ende einer langen Leitung
Jean Cocteaus "Die menschliche Stimme" als finaler Telefonmonolog im Dresdner Societaetstheater

Das totale Finale als Ausweg: Die Geliebte greift, frisch zur Ex erklärt, erst zu Schlaftabletten, später zur langen Leitung, um den Liebesschmerz auszumerzen, koste es, was es wolle. In diesem, wie in jedem gleichartigen Fall, die Zukunft.
1930 feierte Jean Cocteaus "Die menschliche Stimme" in Paris Uraufführung - dass es 80 Jahre, einige Menschen- und noch mehr Technikgenerationen später immer noch funktionieren kann, zeigt das Dresdner Societaetstheater. Für den Monolog für eine "Virtuosin" erhebt der berühmte Dichtermaler-regisseur das Telefon zur wichtigsten Requisite - als Symbol für Dialoge mit der Ferne: das Kabel zwischen Hörer, Gerät und Wand als Nabelschnur in die Welt des Lebens. Einzige Szene: Eine Frau (Angela Schlabinger) führt das von ihm angekündigte allerletzte Gespräch mit ihrem Geliebten, der eine andere heiraten und am nächsten Morgen noch seine Tasche und einen linken Handschuh holen möchte. Ihre Gegenforderung: Die Asche ihrer von ihm verbrannten Liebesbriefe. Dabei verfällt sie in alle denkbaren Rollen: die der Aufrechten, der Zärtlichen, der Starken, der Tobenden, der Lügenden - aber letztlich immer wieder in die der Zerbrechlichen, der nichts bleibt, wenn der geliebte, einzig(un)artige Fixpunkt neu startet.
"Hallo!" - also ohne jedes Fragezeichen - steht in großen Lettern auf weißer Wand in der guten, kalten, weißen Stube der Heldin, in der noch vier Scheinwerfer und ein Stuhl wohnen. Thomas Stecher, verantwortlich für Regie und Ausstattung, setzt ganz auf die Präsenz von Angela Schlabinger, mittlerweile das weibliche Markenzeichen des kommunalen Gastspielhauses, und verzichtet klugerweise auf die Variation von typischen Telefonierhaltungen - die moderne Frau spricht frei in ihrem großen Reich, wo nun nur noch ein gemeinsamer, weil "kein Frauenhund" wartet, der angeblich nichts mehr frisst und die Hausdame fletschend bedroht. Alle Türen zur Hinterbühne sind offen, so dass die Verzweifelte weitläufig rumtoben kann. Überdreht wirken einige der Beruhigungsgymnastiken, umständlich auch das Reihum -Ein -und -Ausschalten der Scheinwerfer. (…)
Angela Schlabinger, deren Urschrei bei der jüngsten Verkündung des Förderpreises der Stadt Dresden mehrfach nachzuempfinden ist, agiert souverän - auch beim seltsamen Schlusstanz, der mit Sprung vom Stuhl endet, aber die Zuschauer dennoch ratlos hinterlässt.
Was der menschlichen Stimme - der alternative Paralleltitel "Geliebte Stimme" trifft das Sujet besser - generell fehlt, ist das männliche Pendant: Der Phantasie, wie die offenbarte Lebenslüge; nur auf Leidenschaft und Demut gebaut, durch die Gegenseite relativiert würde, sind hierbei keine Grenzen gesetzt: Ist der andere, der im Dialog unhörbare Geliebte, der nicht den Hund will, ein aalglattes Ekel nur ein normaler Mann, der das lockende Angebot der Zweitfrau exklusives Parallelleben fernab des Alltags mehr oder minder dankbar nahm und sich nach fünf Jahren Entscheidung für Ehe und Rückkehr zur Monogamie vielleicht gar nicht leicht machte? Mann weiß es nicht.
Befördert durch die Entwicklung vernetzter Techniken, die nicht nur Erdrosselung durch Telefonkabel altmodisch erscheinen lässt, sondern die Zelebrierung des Abschieds als pures Gespräch, ergäben sich heutzutage zudem abstruse Perfektionsvariationen jenseits der stillosen Kündigung per Kurznachricht.
Cocteau selbst, genau hundert Jahre jünger als die französischste aller Revolutionen und nahezu unbegrenzt in der Wahl seiner künstlerischen Mittel - für sein Lebenswerk 1955 als einer der vierzig Unsterblichen in die Académie Française aufgenommen und 1960 in Paris gar zum "Dichterfürsten" gewählt - kann die männliche Version nicht mehr liefern, aber es wäre zu befürchten, dass sie im Abendland der Jetztzeitmänner ähnlich dramatisch ausfiele.
Nächste Aufführungen am 7. und 21. Februar sowie 7. März, je 20 Uhr.
DNN, 02.02.2010

Ich muss mich jetzt mal eine Runde freuen
Als freie Schauspielerin kämpft Angela Schlabinger ständig um ihre Existenz. Jetzt bekommt sie endlich das große Glück der kleinen Anerkennung.

Den Anruf des Kulturbürgermeisters bekam Angela Schlabinger, als die Schauspielerin gerade mit ihrem Labradorrüden Balou an der Elbe spazieren ging. Ob sie den Förderpreis der Stadt Dresden annehmen wolle, fragte der. "Warten Sie mal kurz", bat Angela, "ich muss mich jetzt mal eine Runde freuen." Der Urschrei, den sie dann ausstieß wird in die Annalen des Dresdner Kulturpreises eingehen.
"Ich war so glücklich" sagt Angela Schlabinger mit warmer und überraschend tiefer Stimme, und die Freude steht ihr sechs Wochen später noch ins Gesicht geschrieben. "Das ist schon ziemlich genial, wenn man von der Stadt, bemerkt wird, wo man so viel herumkrepelt und hofft, dass man sein Geld verdienen kann mit dem nächsten Projekt. Als freie Schauspielerin, ohne festes Engagement und ohne festes Gehalt, weiß ich meistens nicht, was im nächsten halben Jahr ist. Wir kämpfen alle ums Überleben."
Offen spricht die 42-jährige über ihre finanzielle Misere, von Winkelzügen oder Geheimnistuereien scheint sie nichts zu halten. Vielmehr erzählt sie von ihrer Angst vor Hartz IV - "da habe ich überhaupt keinen Bock drauf" - und von ihrem Glück, bis Herbst ausgebucht zu sein: "Sechs Monate im Voraus, das ist so erleichternd."
"Angela Schlabinger hat sich als Schauspielerin einen herausragenden Namen innerhalb der freien Szene erarbeitet." Juryurteil, Förderpreis der Stadt Dresden

Über der Unsicherheit hat sie ihren Humor, ihre Fähigkeit, über sich selbst zu lachen und ihre Großzügigkeit nicht verloren: "Von den 5000 Euro Preisgeld mache ich eine große Fete, dann lade ich nach der Feier am Sonnabend meine Eltern ein - der Rest wird sich finden."
Zwar hat Angela Schlabinger am Dresdner Societaetstheater bereits in vierzehn Inszenierungen auf der Bühne gestanden - aber weil nicht die Proben, sondern nur die Vorstellungen bezahlt werden, kann davon keiner reich werden. "Hätte ich nicht auch neunmal im Staatsschauspiel gespielt, hätte ich nicht überlebt." Dort war sie in den "Physikern" oder den "Troerinnen" zu sehen und sprang ein, wenn eine Schauspielerin ausfiel.
Das ist keine Frage der Qualität, sondern der Risikofreude. Denn Angela Schlabinger hat in festen Engagements in Paderborn und vor allem an Dresdens Theater Junge Generation bewiesen, wie wandlungsfähig sie ist - und wie belastbar: "Ich habe in elf Inszenierungen bis zu 250 Vorstellungen jährlich gespielt - nach drei Jahren bin ich zusammengebrochen, nach vier habe ich aufgehört."
Trotz aller Unsicherheit liebt Angela Schalbinger ihren Beruf. Das merkt jeder, der sie auf der Bühne sieht, zum Beispiel in Jean Cocteaus Solostück "Die menschliche Stimme". Innerhalb von Sekunden wechselt sie als Frau, die das letzte Mal mit dem Geliebten telefoniert, von exaltierterter Freude in tiefste Verzweiflung, kämpft immer wieder mit den Tränen und ist doch nicht eine Sekunde kitschig oder peinlich, fesselt vielmehr hoch konzentriert mit genauen Gesten und präzisem Spiel.
Auf der Bühne kann Angela das Publikum gefangen nehmen, aber Kollegen, die privat weiterspielen, mag sie nicht. Weil sie dachte, dass alle Schauspieler "durchgeknallte, exaltierte Typen mit Schal" sind, die sich darum reißen, auf jeder Feier Mätzchen zu machen, hielt sie den Beruf für "Pipikram".
Doch als Chemiestudentin in Dresden bekam die gebürtige Rostockerin Kontakt zur Studentenbühne - und das Theater ließ sie nie mehr los. "Als die anderen für die Säure-Base-Prüfung lernten, überlegte ich mir, das Studium zu schmeißen." Sie wechselte zur Fachhochschule, wurde Laborassistentin aber der Wunsch blieb - und die Rostocker Schauspielschule lud zum Vorsprechen. "Mir wurde vorher gesagt, mit 22 sei ich zu alt. Also dachte ich, ich, mache jetzt hier eine Runde Faxen und dann, gehe ich wieder." Es kam anders. Zum Glück.

Hier ist sie zu sehen
Angela Schlablinger spielt vor allem im Societaetstheater Dresden,
"Szenen einer Ehe" von Ingmar Bergman
"Bandscheibenvorfall" von Ingrid Lausund
"Die geliebte Stimme" von Jean Cocteau
Sie spielt auch in Schillers "Wilhelm Tell" zu den Bad Hersfelder Festspielen
SZ, 12.03.2010

Mitwirkende

Regie: Thomas Stecher | Spiel: Angela Schlabinger