DER TOD DES IWAN ILJITSCH und der Flug in den Himmel
(nach Leo Tolstoi)
"Nein, nein, und nein, so kann man nicht leben, wie ich gelebt habe, und wie wir alle leben. Das haben mir der Tod Iwan Iljitschs und die von ihm hinterlassenen Aufzeichnungen offenbart."
Diese Worte stehen auf der ersten Manuskriptseite zu Leo Tolstois Novelle. Der Jurist Iwan Iljitsch Golowin starb im Alter von 45 Jahren. "Alle werden wir sterben. Warum sich nicht ein bisschen Mühe geben?" schreibt Tolstoi an anderer Stelle. Was, wenn die Diagnose Krebs gestellt wurde, geht in einem Menschen, in seiner Familie und in seinem sozialen Umfeld vor?
In einer Art Zwiegespräch zwischen Iwan und seinem "alter ego" Tolstoi werden die wesentlichen Stationen von Iwans Leben einer Revision unterzogen und dabei wird die Frage aufgeworfen "Kann es ein richtiges im falschen Leben geben?" Die Inszenierung untersucht Tolstois Grundthemen, zu denen die Bedeutung des Todes für das Leben gehört.
Eine Hommage an Leo Nikolajewitsch Graf Tolstoi, der am 20. November 1910 gestorben ist.
"Welch ein Spiegel wird uns da vorgehalten, was für eine Perspektive, der wir uns früher oder später selbst zu stellen haben? Carsten Ludwigs Inszenierung... projiziert Gegenwart auf (die) Geschichte und unterstreicht damit deren unmittelbare Bedeutung." (DNN)
Premiere
Gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und der Stadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz.
Fotos: Detlef Ulbrich | www.duks33.de
pressestimmen
Fast perfekte Vergeblichkeit
Carsten Ludwig inszenierte Tolstois „Tod des Iwan Iljitsch" im Societaetstheater
Mitten in seinen gedanklichen Höhenflug, mit dem er sich über all die anderen, dem Tod bestimmten Menschen zu erheben glaubt, klopft er an, mit ersten, unheilvollen Symptomen, und fortan bleibt Iwan Iljitsch nur noch wenig Zeit zu begreifen, dass sein so früh eingetretenes Leiden doppeldeutig und letztlich von ihm selbst verursacht ist: Ihm bleibt nur der Tod, weil er es versäumte, das Leben anzunehmen. Als einzig mögliche Tat, die Welt von seinem Dasein zu erlösen. Leo Tolstois Erzählung „Der Tod des Iwan Iljitsch“ handelt von einem höchst durchschnittlichen Justizbeamten, für den nach überliefertem Muster Karriere und kleines familiäres Glück alles bedeuten, der aber beides verfehlt, weil er nie ernsthaft versucht, die engen Grenzen dieses Schemas zu überschreiten, weil er nicht in der Lage ist, sich gegenüber anderen zu öffnen. Erst mit der Einsicht des nahenden Endes dämmert ihm etwas ... Welch ein Spiegel wird uns da vorgehalten, was für eine Perspektive, der wir uns früher oder später selbst zu stellen haben? Carsten Ludwigs Inszenierung, die im Societaetstheater Premiere hatte, projiziert Gegenwart auf (die) Geschichte und unterstreicht damit deren unmittelbare Bedeutung. (…)
In Filmsequenzen erscheinen die Richter-Kollegen, deren Spekulationen über unverhoffte Karrierechancen jedes Mitgefühl verdrängen, die Ärzte (u.a. Lars Jung in einer eindrücklichen Studie), die ihre Hilflosigkeit mit nebulösem Fachjargon tarnen, vor allen aber die selbstsüchtige, herrische, so praktisch denkende, doch am Ende verzweifelte Ehefrau, der Juliane Werner (trotz der einschränkenden extremen Hochformate) leidenschaftliche Ausstrahlung gibt. Christian Wittmann als Protagonist erscheint davor beinahe als Moderator, als wolle er die Rolle des Iwan Iljitsch eher abstreifen denn bis zum bitteren Ende auskosten. (…)
Ludwigs multimediale Arbeitsweise (...) provoziert jedoch nicht mit Brüchen, baut vielmehr Stimmungen auf, sorgt dafür, dass reale Nüchternheit und Trostlosigkeit romantisch verklärt erscheinen. So entsteht weniger eine Collage als vielmehr ein Puzzle mit Bildteilen aus verschiedenen Baukästen; (…) aber so sind „wir“ nun mal, und jedenfalls funktioniert es gelegentlich fast perfekt.
DNN, 09./10.10.2010
Alle werden wir sterben
„Der Tod des Iwan Iljitsch und der Flug in den Himmel“
Jeder Mensch weiß, dass er eines Tages sterben muss - aber eben eines Tages, nicht in naher Zukunft, mit 45 Jahren schon gar nicht. Iwan Iljitsch wird von einem undefinierbaren Schmerz belästigt. Die Diagnose der behandelnden Ärzte reicht über Blinddarm bis Wanderniere. Doch Iwan weiß, dass sein Sterben begonnen hat. „Es kann nicht sein und ist doch da“, rezitiert Christian Wittmann alias Iwan Iljitsch, in einen soliden braunen Anzug gepresst, zu Beginn des Stückes.
Für das Societaetstheater ist die Inszenierung „Der Tod des Iwan Iljitsch und der Flug in den Himmel“ nach einer Novelle von Leo Tolstoi eine Hommage an den großen Schriftsteller, dessen 100. Todestag sich am 20. November jährt. Regisseur Carsten Ludwig stellt Iwan Iljitsch gemeinsam mit seinen Erinnerungen auf die Bühne. Alles Vergangene wird als Videoproduktion auf mehrere schmale, vom Boden bis zur Decke reichende Projektionsflächen geworfen. Schritt für Schritt erzählt sich damit die Lebensgeschichte: Seine Frau (Juliane Werner) benimmt sich nach der Geburt des ersten Kindes reizbar, so dass der Dienst am Gerichtshof Iwans eigentliches Leben wird. Iljitschs Schmerzen treten anfangs selten auf, verursachen lediglich ein Unwohlsein. Sie lauern wie Gespenster in allen Ecken, lassen Iwan nicht schlafen, werden zu seiner einzigen Beschäftigung und verschlimmern seinen Zustand. Christian Wittmann stellt Iwan nicht als Leidenden dar, sondern bleibt kraftvoller, bedauernder Betrachter. In der Retrospektive flimmern die Bilder. Der Schauspieler spielt mit seinen fiktiven Leinwandpartnern und beobachtet gleichzeitig sich selbst. Wittmann gelingt diese Teilung sehr gut. Der siechende Kranke entsteht nur im Kopf des Zuschauers. Fünf Monate dauert das Sterben. Glaubt der Betrachter zu Beginn, dass Iwan mit dem Satz „Alle werden wir sterben. Warum sich nicht etwas Mühe geben?“ gegen den Tod ankämpfen möchte, so zeigt sich im Laufe der Inszenierung, dass hier der Tod zelebriert wird. Keinerlei Hilfe, ob Arznei oder gut gemeinten Rat, nimmt der Patient an. Aber wozu auch - sterben werden wir alle.
SAX, November 2010
Mitwirkende
Regie: Carsten Ludwig | Spiel: Christian Wittmann | Audio-Video, Bühne: René Liebert






