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Pressetimmen 2011

"Vom weißen Fleck, der sich mit Farbe füllt"

Ab dem heutigen Sonnabend blickt das Theaterfestival "Off Europa" von Leipzig und Dresden nach Albanien und Kosovo
"Nur falls einige von Euch immer noch nicht so ganz verstehen, was ich eigentlich mache, hier die Definition, die eine meiner Studentinnen mir in der letzten Klausur gab: Die Aufgabe hieß, beschreibe die folgenden Vokabeln mit eigenen Worten. Bei dem Wort 'Gastarbeiter' schrieb sie: ist jemand, in einem anderen Land lebt und arbeitet wie z.B. Charlotte, meine Lehrerin, das wunderbar ist." Fast fünf Jahre dokumentierte Charlotte Siegerstetter in ihrem Blog "Vom weissen Fleck, der sich mit Farbe füllt" ihre Erlebnisse in Albanien. Der osteuropäische Staat hat weniger Einwohner als Berlin und heißt auf Albanisch Shqipëria (gespr.: Schipperia). Die junge Bayerin unterrichtete junge Frauen und Männer an Universitäten in den Städten Elbasan und Durrës, spielte mit ihnen Theater, diskutierte mit ihnen, lebte in ihrer Mitte. Sie sorgte mit ihren lebensnahen Berichten dafür, dass wir hier in Deutschland etwas über die kleine Balkanrepublik erfuhren. Etwas, das nicht in den Nachrichten lief, nichts mit Mafia, Drogen oder Korruption zu tun hatte. Uns von der Herzlichkeit und Offenheit der Albanier zu erzählen, war und ist Siegerstetters größtes Anliegen. 
Eine Woche lang spielt Albaniens Kunst und Kultur nun einmal die Hauptrolle. Die Theaterreihe "Off Europa", eine Kooperation zwischen dem freien Leipziger LOFFT-Theater und dem Dresdner Societaetstheater, widmet sich seit jeher Ländern und Regionen, die auf dem kulturellen Atlas einen weißen Fleck darstellen, uns nahezu unbekannt sind. 2011 also die Welt der Albaner, "Univers Shqiptar". Auch das Kosovo ist dabei, weil beide Länder kulturell wie politisch untrennbar seien und noch abgetrennter vom restlichen Europa existierten. Festivalleiter Knut Geißler reiste durch beide Länder und suchte passende Vertreter. Es geriet tatsächlich zu einer Suche. "Die Stadttheater sind in beiden Ländern eher Dienstleistungszentralen. Man spielt vom Blatt, Experimente gibt es selten." Laut Geißler gibt es nur eine Hand voll Künstler im Umfeld der Kunst-Akademie, die sich nicht von staatlichen Vorgaben geißeln ließen und die müssten um Aufführungsmöglichkeiten kämpfen. Es klingt, als wären nun alle relevanten Off-Künstler zu Gast in Sachsen. 
Aus beiden Ländern werden experimentelle Tanz- und Theaterstücke aufgeführt, Dokumentationen und "der wahrscheinlich beste kosovarische Spielfilm" gezeigt, Lieder gesungen, Texte gelesen und Debatten geführt. Zu Gast ist das einzige, regelmäßig spielende, Freie Theater Oda aus Prishtina im Kosovo und Albaniens einziges Tanztheater. Auch Charlotte Siegerstetter ist dabei. Geißler begegnete ihr bei seiner Suche in Albanien, sie führte gerade mit ihren Studenten Ibsens "Nora oder Ein Puppenheim" in Elbasan auf. "Im Stück streiten sich zwei Frauen, ob Noras Wunsch nach mehr Selbstbestimmung und die Flucht vom Ehemann richtig sind. Am Ende verbünden sie sich gegen einen Schauspieler im Publikum, der mit ihnen 'beiden Hübschen' einen Kaffee trinken gehen will." 
Die 30-jährige Diplompsychologin Siegerstetter führte viele Gespräche mit albanischen Mädchen, die in ihr nicht selten ein Vorbild sahen. Eine Frau, die alleine lebt und es trotzdem zu etwas gebracht hat. Auch für Siegerstetter war der Aufenthalt eine lehrreiche Angelegenheit. Insgesamt urteilt sie, dass sie in Albanien so selbstverständlich aufgenommen wurde, "wie ein Kind, das von einer Familie adoptiert wurde."
In einer Sonntags-Matinee (18.9., Societaetstheater, Foyer, 11 Uhr) führt die "undiplomierte Entwicklungshelferin, Projektmanagerin, Regisseurin und Theaterpädagogin" mit Auszügen aus ihrem Blog ins Festival ein. Am Abend (20 Uhr) gibt die albanische Folk-Jazz-Sängerin Elina Duni ein Konzert und später wird noch ein fast fertiger Film gezeigt, der sich mit einem traditionellen mittelalbanischen Gesang beschäftigt ("Polyphonia", 21.15 Uhr). 
Und was bedeutet der Auftritt in Deutschland für die Auserwählten aus dem Kosovo? "Ich denke, die sind realistisch. Nur weil sich ein seltsamer Festivalveranstalter aus einer ostdeutschen Stadt für sie interessiert, wird sich ihr Leben nicht verändern. Aber - und das freut mich - ich glaube sie sind neugierig auf die Künstler aus dem albanischen Nachbarland." Geißler denkt auch schon ans nächste Jahr. Mit der Türkei wird er "zum ersten Mal einem aktuellen Hype hinterher recherchieren. Dann findet man die Dinge unter der Oberfläche."
Juliane Hanka 
Festival "Off Europa univers shqiptar - Albanien Kosovo Diaspora" 17.-24. September im Dresdner Societaetstheater und an verschiedenen Leipziger Aufführungsorten. Der Festivalpass kostet 37,50 Euro (ermäßigt 25,50 Euro)
Juliane Hanka, 17.09.11 Dresdner Neueste Nachrichten

Modern, archaisch, aktuell

Kosovo-Gastspiel beim Off-Europa-Fest im Societaetstheater
Albanien? Kosovo? Balkan. Krisengebiet. - Diese einfach abzuspulende Assoziation dürfte dominieren, würde man die Eingangsfragen nach besagten Ländern stellen. Aber was liegt eigentlich hinter den Schlagzeilen, hinter dem ganzen Es-wird-nur-berichtet-wenn's-Tote-gibt? Wenn Landstriche medial so stark von einem Konflikt geprägt sind, finden dann andere Lebensumstände, die nichts mit einem schwelenden Streit um Grenzen und internationale Anerkennung zu tun haben, Kanäle, um über sich mitzuteilen? Vielleicht nicht in den Nachrichten. Im Theater schon.
Dem Teatri Oda aus Prishtina im Kosovo darf durchaus genau so ein Mitteilungsbedürfnis unterstellt werden. 2002 gegründet, ist es eigenen Angaben zufolge das einzige kosovarische Off-Theater, das seither frei agiert und auch eine eigene Spielstätte hat. Von Anfang an hatten die Gründer und Aktivisten des Oda besonders eins im Blick: die Rolle der Frau. Wer's nicht glaubt: Die erste Inszenierung, die am 1. März 2003 auf die Bühne kam, waren tatsächlich die "Vagina-Monologe".
Überraschen kann das nur den, der das Theater als losgelöst von gesellschaftlichen Entwicklungen betrachtet, als einen Raum außerhalb von Politik und Gesellschaft. Das ist es im Kosovo genauso wenig wie hierzulande. Das ist eine einfach herzustellende Schlussfolgerung, die das Dresdner Publikum aber noch nicht recht erreicht zu haben scheint. Anders können die lediglich etwa zwei Dutzend Zuschauer, die sich im Societaetstheater das choreografische Tanztheater "Kanuni" von Agnes Nokshiqi und dem Teatri Oda anschauten, nicht erklärt werden.
"Kanuni" vereint moderne und archaische Ebenen und Momente. Der Leitfaden des rund 40-minütigen Stücks ist das gleichnamige albanische Gewohnheitsrecht. Es umfasst bestimmte Elemente: Familie, Haus, Gast, Wort, Handel, Eid, Erbe, Grenze, Tod. Darin wird zum Beispiel festgelegt, wer in jedem albanischen Haus jederzeit willkommen ist: Gott und der Gast. Und auch die Blutrache ist geregelt.
Diesen Facetten eines an der Großfamilie ausgerichteten Verhaltensleitfadens gaben die sechs Tänzer - drei Frauen und drei Männer - Gestalt durch getanzte Bildsprache. Der Beginn mit poppigen Disco-Beats, umflackert von Schwarzlicht, mag wegen seiner Anleihe bei den achtziger Jahren noch etwas eigentümlich wirken. Das gibt sich aber rasch. Steter Wechsel von Bewegungen und Pose sind nicht nur Hinweis auf das Heimatlich-Archaische des Abends. Sie sind genauso ein Spiegel dessen, was unser sehr heutiges und sehr westliches Leben ausmacht. Ein stolz-kritischer Verweis auf die eigene Geschichte ebenso wie eine kritisch-neugierige Annäherung an die unsrige.
Die tanzenden Darsteller um Regisseurin Agnes Nokshiqi finden sich in immer neuen Konstellationen zusammen, agieren aber immer als Gruppe. Eine Metapher auch für die Heimat. Der Tod stand immer schon am Ende der Aufführung, er ist weiß Gott ein älteres Konzept als die Kriege der Neuzeit, muss also nicht in den Kontext dieser Waffengänge gepresst werden.
Theater im Kosovo ist zeitlos und aktuell. Eigentlich ein naheliegender Gedanke. Eigentlich. Torsten Klaus
iFestival Off Europa noch bis Sonnabend im Societaetstheater und in Leipzig

22.10.2011 Dresdner Neueste Nachrichten