IM ERNST: Zu Gast ist OMER MEIR WELLBER

Presse

Zur inszenierung the red room 

Der Tod lässt sich nicht überlisten
Festival "Szene: Schottland" im Societaetstheater eröffnet

"Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich will nur nicht dabei sein", schreibt der Filmemacher Woody Allen in einer seiner Kurzgeschichten. Nicht dabei sein, dem Tod in Gestalt der Pest entgehen, das will auch der das Außergewöhnliche liebende Prinz Prospero in "Die Maske des roten Todes", Edgar Allen Poes sprachlich vielleicht vollkommenster Geschichte, liest sie sich doch wie ein kunstvoll rhythmisiertes Prosagedicht. Prospero zieht sich, während die Pest im Land umgeht, mit einem tausendköpfigen Gefolge in eine von ihm entworfene Abtei zurück, um sich weiterhin seinen Vergnügungen hinzugeben, als wäre nichts. Tür und Tor sind verriegelt. "Störend" - als kurzzeitig mahnende Erinnerung - ist allenfalls der Klang der Stundenglocke. Was Walter Benjamin einst an der bürgerlichen Gesellschaft monierte, nämlich dass ihr unbewusster Hauptzweck sei, den modernen Menschen die Möglichkeit zu verschaffen, "sich dem Anblick von Tod und Sterben zu entziehen", das hat Poe schon 1842 der mittelalterlichen Gesellschaft zugeschrieben.
Jedenfalls taucht bei einem anberaumten ausschweifenden Maskenfest ein Gast auf, der - was von allen als degoutant und obszön empfunden wird - als Roter Tod gewandet, also als Pest auftritt. Als der Prinz dieser persona non grata die Maske entreißen will, entpuppt sich die Gestalt als körperlos, Prospero sinkt tot zu Boden. Der Tod lässt sich nicht überlisten, ist ein uneingeschränkter Herrscher. Übrigens: Das Wort Person ist ursprünglich ein Synonym für die Maske selbst; im alten Rom nannte man die Masken, die die Schauspieler vors Gesicht banden, "persona".
Diese Erzählung Poes bildet die Grundlage für die Tanztheater-Produktion "The Red Room" der jungen David Hughes Dance Company aus Edinburgh, mit der am Sonnabend das Festival "Szene: Schottland" im Societaetstheater eröffnet wurde. Eine gute Wahl. Die optischen Schaueffekte sind phänomenal. Dialoge gibt es nicht, der starke, expressive Bewegungsausdruck der sechs, keine Kraftanstrengung scheuenden Tänzer spricht für sich, auch wenn sich nicht alles erschließt. Dem frenetischen Beifall am Ende nach zu urteilen, dürfte jeder im Saal jede der 50 stimmigen, faszinierenden, in den Bann ziehenden Minuten genossen haben, auch wenn durchaus Dinge zu sehen waren, die äußerst unschön sind, auch wenn der Gruselfaktor an sich in dieser Produktion nicht allzu groß ist.
Da gibt es etwa eine Figur, die an einen Narr erinnert - und ständig nicht nur dem Prinzen als Prügelknabe dient. Einmal wird in einer Weise getreten, dass einem unweigerlich die Gewaltexzesse in den Sinn kommen, die dank Videokameras an U-Bahn-Stationen immerhin hier und da dokumentiert sind. Aber dieser ständig misshandelte Mensch ist allerdings kein "Opfer", mit dem man per se Mitleid hätte. Denn er liegt ständig auf der Lauer, um vom Opfer zum Täter zu mutieren. Aber letztlich gibt es kein Entkommen. Und das wird auch der Prinz nur zu bald erfahren.
Nun ist es ja so, dass an sich grundsätzlich die postmortale Phase im Zeichen des Verfalls steht, dann selbst Menschen, die im Leben ein ausgeprägtes Sicherheitsdenken pflegten, nun wohl oder übel die Zügel lockern müssen. Bei dieser Produktion von Hughes steht auch die prämortale Phase im Zeichen des Verfalls. Die billigen Scherze der Hofgesellschaft, ihre Frivolität, die die ausgelebte Neigung zu Gewalt und obszönen Exzessen mehr schlecht als recht ummantelt, das und anderes erinnert schon fast an Marquis de Sades umstrittenes Buch "Die 120 Tage von Sodom". Das, woran diese Gesellschaft krankt, ist uns allerdings nicht gänzlich unbekannt. Das Weiß der Kostüme im Stil (ein bisschen jedenfalls) der Shakespeare-Zeit steht hier nicht für Unschuld, das hätte die "feine" Gesellschaft nur gern so.
Christian Ruf , DNN, 09.05.2011

Zu the tailor of inverness 

Draußen vor der Tür
Das Societaetstheater lädt schottisches Theater ein. Heute und morgen ist eine Familiengeschichte der besonderen Art zu Gast

Das Leben hört nicht vor der eigenen Haustür auf - es fängt manchmal dort erst an. Das sollte man jedenfalls meinen, wenn man die „szene“-Festivals des Societaetstheaters anschaut. Nach Moldau, Frankreich oder Polen ist in diesem Jahr Schottland dran. Was freies Theater und Tanz angeht, ein durchaus dankbares Land. Kaum eine Nation ist so vielseitig und rückhaltlos mutig in der Findung von Theaterformen wie Großbritannien. Und Schottland spielt noch eine Sonderrolle: In Edinburgh gibt es jährlich das Fringe-Festival, ein wahres Woodstock für freie Theatergruppen. Während die „szene“-Festivals in den letzten Jahren zeitlich gedrängter stattfanden, haben die Zuschauer diesmal fast drei ganze Wochen, um sich ihre Schmankerl herauszupicken. Das Programm findet vor allem an den Wochenenden statt.
Heute und morgen gastiert ein besonderes Gastspiel im Societaetstheater: Das Dogstar Theatre mit dem Stück „The Tailor of Inverness“. Matthew Zajac erzählt hier seine ganz persönliche Geschichte: Sein Vater war ein galizischer Schneider, der vor der deutschen Armee aus seiner Heimat fliehen musste. Nach Jahren auf der Flucht ließ er sich in Schottland nieder. Heimatlosigkeit ist das prägende Motiv der Familiengeschichte von Matthew Zajac.
Nach der Uraufführung 2008 waren Publikum und Presse begeistert. Der Sunday Herald schrieb: „Ein mutiges biografisches Theaterstück, das eine zutiefst persönliche Familiengeschichte erfolgreich in ein allgemeingültiges Theaterwerk verwandelt.“ Und ein Edinburgh-Stadtmagazin riet gar: „Wenn Sie bestes schottisches Theater sehen wollen, kaufen Sie sich ein Ticket für diese diamantenscharfe Inszenierung.“
„The Tailor of Inverness“ wird im Societaetstheater auf Englisch und Polnisch gezeigt und mit deutscher Übersetzung übertitelt. Im Anschluss an die heutige Vorstellung veranstaltet die Heinrich-Böll-Stiftung ein Gespräch zum Thema. Moderiert wird es von Stefan Schönfelder und Uwe von Seltmann. Seltmann brachte 2006 das Buch „Schweigen die Täter, reden die Enkel“ heraus. Darin schrieb er über das Leben seines Großvaters, eines SS-Soldaten in Polen, der zum Stab von Odilo Globocnik gehörte - einem der brutalsten Massenmörder der SS, der für den Tod von Millionen von Juden verantwortlich war.
So knüpft das Societaetstheater den Link vom Theatererlebnis zur realen Geschichte - ebenso, wie es das Stück „The Tailor of Inverness“ tut. Weil das Leben manchmal eben erst vor der eigenen Haustür anfängt.
Johanna Lemke, SZ 12.05.2011

zum Festival allgemein  

Wirtschaft trifft Theaterszene
Studentische Festivalhilfe für „szene:SCHOTTLAND“ im Societaetstheater
Anne Gärtner studiert Wirtschaftswissenschaften an der TU Dresden und organisiert das Theaterfestival „szene:SCHOTTLAND“ im Societaetstheater mit


Anne Gärtner ist die Ruhe selbst, als sie am Freitagmorgen zum Interview in den sonnigen Hof des Societaetstheaters kommt. Die 21-jährige Studentin der Wirtschaftswissenschaften an der TU Dresden ist seit April Praktikantin am ältesten Theater der Stadt.
„Ich war schon als Kind theaterbegeistert“, erzählt sie. „Ich finde es einfach toll, wie man Menschen in andere Welten entführen kann.“ Seit ihrem fünften Lebensjahr tanzt die Dresdnerin klassisches Ballett an der Paluccaschule. Gern würde sie später in der Kultur-PR arbeiten - und hat am Societaetstheater nun drei Monate Zeit, in dieses Metier hineinzuschnuppern. „Ich bin hier vor allem für die Organisation des Festivals „szene:SCHOTTLAND“ verantwortlich“, erzählt sie. Dieses international orientierte Festival läuft noch bis zum 22.Mai und findet zum fünften Mal im Societaetstheater statt. Jedes Jahr stellt es eine andere Region in den Mittelpunkt.
In diesem Jahr haben die Organisatoren schottische Künstler nach Dresden geladen, die nicht nur modernes Theater, sondern auch Tanz, Literatur, Musik und schottische Kurzfilme zeigen. Für die Vorbereitung der 17 verschiedenen Aufführungen wird jede helfende Hand gebraucht.
Seit April hat Anne Gärtner zusammen mit ihren Kollegen Plakate geklebt, Flyer verteilt, Requisiten besorgt und die englischen Originaltexte der Theaterstücke für Programmzettel übersetzt.
Am Tag vor der Eröffnung des Theaterfestivals wuchs nicht nur bei den Beteiligten die Vorfreude auf die schottische Szenekunst. Besonders neugierig ist die angehende Wirtschaftswissenschaftlerin auf die interaktiven Theatervorstellungen der schottischen Künstler. Einige sind bereits bei englischen Theaterfestivals gelaufen. „Ich habe Adrian Howells Ein-Mann-Performance ‚Foot washing for the sole‘ übersetzt und bin sehr gespannt, wie er das in der Praxis umsetzten wird, denn er will dem Publikum die Füße waschen.“
Anne Gärtner schmunzelt als sie das erzählt. Auch auf den interaktiven Soloabend „Bright Colours Only“, bei dem Pauline Goldsmith eine schottische Totenfeier inszeniert, freut sie sich. „Ich mag Stücke, bei denen das Publikum sich nicht einfach zurücklehnen kann“, gibt sie zu - und hat damit bei „szene:SCHOTTLAND“ wohl genau den richtigen Praktikumsplatz erwischt.
Nicole Laube, adrem, 11.05.2011

ankündigungen des festivals in der dresdner presse 

Ohne Dudelsack und Pfeifen    
Dresdner Theaterfestival szene:Schottland - im Societaetstheater und an weiteren Orten

Bereits zum fünften Mal richtet das Societaetstheater mit »szene: Schottland« im-Mai ein eigenes internationales Festival aus. Vorgestellt werden zeitgenössisches freies Theater und andere unabhängige Kunstproduktionen eines ausgewählten europäischen Landes - in diesem Jahr bringen schottische Künstler preisgekrönte Theaterproduktionen mit. Die etwa 17 Veranstaltungen widmen sich zeitgenössischer Kunst aus Schottland, Theater in Originalsprache mit Übersetzung, zeigen Tanztheater, Dokumentar-und Kurzfilme und stellen Literatur und Musik vor. Besonders stolz ist man im Theater in der Inneren Neustadt darauf, über die Hälfte des Festivals Programms mit Preisträgern des letztjährigen Edinburgh Fringe Festivals zu bestücken. »Fringe« beschreibt wörtlich ein Randgebiet; im positiven Sinne. Das 1947 gegründete Fringe-Festival in Edinburgh steht für freies, innovatives, unabhängiges Theater, neue Sehgewohnheiten, künstlerische Invasion im öffentlichen Raum. Es ist besonders aufTheater und Comedy ausgerichtet, die Bandbreite reicht von Shakespeare bis zu Experimentellem.
Ganz in diesem Sinne findet die szene:Schottland in Dresden statt: Preisgekrönte Künstler wie Adrian Howells,
Pauline Goldsmith und Matthew Zajac sind neben Arbeiten von David Leddy, Vox Motus und der David Hughes Dance Productions Ltd. zu sehen. Die Tanzkompagnie eröffnet das Festival am 7. Mai mit der Produktion »The Red Room«, einem Tanzstück nach E.A. Poes Erzählung »Die Maske des roten Todes«, und verbindet die Mittel des klassischen Tanzes mit einem extrem körperlichen Gegenwartstheater. Und nach dem Vorbild des »Fringe« begibt sich auch das Theaterfestival in andere »Kunst-Räume«: Neben Aufführungen auf den Bühnen des Societaetstheaters wird auch Theater im Botanischen Garten, ein Audiowalk mit einer Neuinterpretation von Shakespeares »Sommernachtstraum«, und eine Performance fürjeweils einen Zuschauer im barocken Pavillon des Theatergartens zu erleben sein.
JB B szene:Schottland vom 7. bis 22. Mai in und um das Societaetstheater und an weiteren Veranstaltungsorten. Die Stücke werden teilweise in Originalsprache, teilweise mit deutscher Übersetzung oder Übertitelung aufgeführt. Das komplette Festivalprogramm findet sich im timer; weitere Informationen im Souffleur, in der Konzertvorschau, im Film-ABC und unter www.societaetstheater.de
DRESDNER Mai 2011

Sommernachtsträume an Mai-Tagen
Festival „szene:SCHOTTLAND“ zeigt vom 7. bis 22. Mai Theater von der Insel

Es ist eine alte Geschichte, schon tausendfach erzählt und doch immer wieder spannend neu: die Suche nach den eigenen Wurzeln.
Bei Matthew Zajac führt sie durch halb Europa. Inspiriert von der Biografie seines eigenen Vaters, bringt er das Schicksal eines galizischen Schneiders auf die Bühne. Während des Zweiten Weltkrieges vor der heranmarschierenden deutschen Wehrmacht aus der Heimat geflohen, kommt er in die Sowjetunion, den Nahen Osten und schließlich ins schottische Inverness.
„The Tailor of Inverness“ ist eine Odyssee durch die historischen Brennpunkte des 20. Jahrhunderts - und wird am 12. und 13. Mai im Societaetstheater Dresden innerhalb des Festivals „szene: SCHOTTLAND“ gezeigt.
„Zunächst vermutet man nichts Außergewöhnliches“, sagt die Künstlerische Direktorin Brit Magdon, die „The Tailor of Inverness“ bereits in Berlin erlebt hat. „Alles ist ganz normal: die Bühne, der Schauspieler.“ Aber dann ziehe Mathew Zajac, dem Brit Magdon eine brillante Schauspielkunst bescheinigt, das Publikum mitten hinein ins Geschehen. „Es wird sehr persönlich, ganz so, als ob jemand sein privates Fotoalbum aufschlägt.“
Und dies sei sehr berührend. Der spurensuchende Schotte lässt die Zuschauer an seiner Reise teilhaben, daran, wie er eine Ehefrau seines Vaters fand, die in der früheren Heimat zurückgeblieben war, und eine Halbschwester, von der er noch nichts wusste.
Zum fünften Mal hat das Societaetstheater in diesem Jahr ein Festival geplant. Die ursprüngliche Idee, die Gastspiele am Haus länderspezifisch zusammenzufassen, ist geblieben. Zudem haben die Macher sich das Beste aus der freien Theaterszene herausgesucht. Nach dem Pilotprojekt Frankreich hatte man in den vergangenen Jahren nach Moldau, der Schweiz und Polen geschaut, immerhin 42 verschiedene Ensembles dieser Länder traten in Dresden auf. In diesem Mai ist Schottland dran. „Kein Land, sondern eine Region“, erklärt Geschäftsführer Andreas Nattermann. Man hoffe, einen repräsentativen Querschnitt der schottischen Theaterszene vorstellen zu können.
Wie findet man das Beste vom Besten? Erstens: Man kennt Leute, die andere Leute kennen, die richtig gute Sachen machen. Zweitens: Man findet Förderer und die wiederum kennen geförderte, weil außerordentliche Theaterproduktionen. So hatte beispielsweise Mathew Zajac für seine Spurensuche zahlreiche Preise gewonnen, unter anderem den Scotsman Fringe First Award, das ist so etwas wie ein europäischer Theater-Oscar. Schließlich vergibt das Fringe Festival in Edinburgh eine der wichtigsten, wenn nicht sogar die wichtigste Theaterstückkrönung in Europa.
Wer nun weiß, dass über die Hälfte der Theater- und Tanzproduktionen des Festivalprogramms vom 7. bis 22. Mai mit Preisträgern der letzten Fringe Festivals bestückt ist, kann sich eine qualitative Vorstellung machen.
Dennoch: Die insgesamt 17 Produktionen schottischer Künstler können unterschiedlicher kaum sein. Zeitgenössische Kunst aus Schottland, Theater in Originalsprache mit Übersetzung, Tanztheater, Dokumentar- und Kurzfilme sind zusehen. Auch Literatur und Musik werden vorgestellt.
Gemixt wird ebenso innerhalb der einzelnen Veranstaltungen. So erlebt man im Eröffnungsstück „The Red Room“ am 7. Mai „klassische Ballettelemente zusammen mit stark expressivem und körperbetontem Gegenwartstanz“, so Brit Magdon. „Das bricht sich sehr interessant auf der großen Bühne.“ Ganz anders der Audiowalk durch den Botanischen Garten Dresden. Dort kann man mit einer Neuinterpretation von Shakespeares Sommernachtstraum auf den Ohren zwischen seltenen Pflanzen und Gewächsen wandeln. Inszeniert hat diesen „Theaterspaziergang“ der Dramatiker David Leddy.
Das ganze Programm: www.societaetstheater.de,
Karten unter Telefon 0351/8036810
Dresdner Akzente 5. Mai 2011

Extrem unabhängig
SCHOTTISCHES THEATERFESTIVAL IM SOCIETAETSTHEATER

Vor drei Jahren war ich mehrfach in Schottland unterwegs. Eingeladen vom dortigen Theaterverband und dem Veranstaltungsort The Arches, hatte ich die Möglichkeit, neue Theatertendenzen; Stücke und ihre Macher kennenzulernen. Neben den vielfältigen Themen waren es besonders die wilde Formenvielfalt und die so unterschiedlichen Aufführungsorte, die mich bei den schottischen Kollegen faszinierten. Da wurde ganz selbstverständlich in einer Kirche zum gruselig überzogenen Krimispiel geladen, trafen sich Jugendgruppen mit zeitgenössischen Autoren in einem umgebauten Straßenbahndepot, um ein antikes Epos neu zu interpretieren, warb in einer Einkaufspassage ein grotesker Straßentheater-Act um die Gunst des Publikums und in einer Disco ein intelligent verpacktes Bingo-Spiel mit Glücksverheißungen. Es fanden sich ambitionierte Soloabende wunderbarer Schauspieler, die differenziert ganz individuellen Lebensschicksalen nachspürten und Kunstaktionen in öffentlichen Räumen wie Parks oder an Flussufern. Eine sehr bunte Theaterszene also, weniger von städtischen und institutionellen Theaterstrukturen geprägt (was es natürlich auch gibt, aber in geringerem Umfang als in Deutschland üblich), als von vielfältigen Förderstrukturen, Sponsoring und unternehmerischer Kreativität. Und der latent präsenten Frage: Wer sind wir Schotten eigentlich, wo sind ihre kulturellen Wurzeln und wohin wollen sie in dieser globalisierten Welt?
Die Programmmacher des Societaetstheaters ließen sich von meinen begeisterten Schilderungen des lebendigen schottischen Kulturlebens anstecken und widmen ihm das internationale Theaterfestival szene: SCHOTTLAND! Das Festival bietet vom 7. bis 22. Mai ein umfangreiches Programm und verspricht viele Überraschungen. Neben Tanz- und Theaterproduktionen sind auch Literatur, Konzerte und zwei Filmabende mit schottischen Kurzfilmen zu erleben. Dank der Partner British Council, Creative Scotland und dem Traverse Theatre ist es gelungen, einige der Preisträger des letzten Edinburgh Fringe Festivals ins Societaetstheater zu holen. Außerdem erwartet das interessierte Publikum unter anderem ein inszenierter  nach Shakespeare im Botanischen Garten Dresden (»Susurrus« von David Leddy & Fire Exit) und eine Performance für jeweils nur einen Besucher im barocken Pavillon des Theatergartens am Societaetstheater (»Foot Washing for the Sole« mit Adrian Howells). Die 17 Veranstaltungen werden teilweise in Originalsprache, teilweise mit deutscher Übersetzung oder Übertitelung präsentiert. Aber auch ohne perfekte Englischkenntnisse vermitteln sich dem Zuschauer der schräge Humor einer speziellen Weltsicht, die die Eindringlichkeit derThemen mit kreativer Umsetzung durch individuelle Charaktere verbindet.
Eröffnet wird im großen Saal mit »The Red Room«, einer wortlosen Tanztheaterproduktion. Die junge
David Hughes Dance Productions Ltd. aus Edinburgh schuf nach Edgar Allen Poes Erzählung »Die Maske des roten Todes« einen bildstarken Abend, der die Mittel des klassischen Tanzes mit einem extrem körperlichen Gegenwartstheater verbindet. Eine multimediale Besonderheit bietet das Film-Dokumentations-Konzert »The Sf. Kilda Tapes«, das die Evakuierung der Bewohner der Hebriden-Insel St. Kilda und ihre späte Rückkehr thematisiert. Initiiert wurde das hoch gelobte Projekt vom renommierten schottischen Gitarristen David Allison, der auf deutsch die Geschichten erzählt und gleichzeitig mit der Sängerin Maeve Mackinnon die historischen Filmaufnahmen musikalisch kommentiert. Englische Sprachkenntnisse setzt dagegen auf der kleinen Bühne der interaktive Soloabend »Johnnie Ringo Bingo« mit Pauline Goldsmith aus Glasgow voraus. Sie erforscht Wendepunkte und besondere Erscheinungen im Leben der Zuschauer, die wie in einer Lotterie darauf warten, aufgerufen zu werden. Die zwei Kooperation mit dem Filmfest Dresden zusammengestellt, wobei der erste Abend verrückte Begebenheiten bereit hält und der zweite Abend sich dem intimen Konstrukt Familie widmet. Das Festival wird abgerundet durch eine szenische Lesung - die Dramaten mit »In der fernsten Ferne« von Zinnie Harris (einer der viel-versprechendsten Gegenwartsautoren Schottlands) - sowie einen Vortrag über das Theater heute in Schottland.
SAX Mai 2011 

Randgebiet
Das Societaetstheater setzt ab Sonnabend sein Szene-Festival mit Off-Theater aus Schottland fort

Feucht. Kern. Rand. Plus Gebiet, jeweils. So entstehen Bilder aus Begrifflichkeiten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Reden wir vom wohl unspektakulärsten Kompositum, das sich aus der Vorgabe konstruieren lässt: Randgebiet. Englisch: fringe. Reden wir außerdem von einem auf die kulturelle Landschaft übertragenen Randgebiet: dem freien Theater. Dieses kleine zusammengesetzte Gedankenpuzzle dürfte nun im Societaetstheater zu einem sicher interessanten Bild führen: dem Theaterfestival "szene: Schottland".
Denn hoch oben im europäischen Nordwesten ist sie daheim, eine der lebendigsten freien Theaterszenen des Kontinents. Indiz dafür ist vor allem das seit 1947(!) jährlich stattfindende Fringe Festival in Edinburgh. Drei Wochen im August ist die zweitgrößte schottische Stadt Schauplatz all dessen, was Theater ausmacht: Experimentierlust, Expressivität, Exaltiertheit. Von Sonnabend bis zum 22. Mai sollte reichlich dieser Fringe-Farbe nach Dresden schwappen. Mehr als die Hälfte der Tanz- und Theaterproduktionen des Festivalprogramms wird schließlich von Preisträgern des Fringe Festivals 2010 bestritten.
Einer dieser Stars der Off-Szene ist Matthew Zajac, der mit dem Ein-Personen-Stück "The Tailor of Inverness" (12. & 13.5.) seine Visitenkarte abgibt. Eine Inszenierung, die auf der Biografie von Zajacs Vater basiert und die Lebensgeschichte eines einzelnen Menschen exemplarisch für die Kriegs- und Nachkriegsgeschichte Europas stehen lässt. Die schottische Kritikervereinigung kürte Zajac 2009 übrigens auch zum besten Theaterschauspieler des Landes. Erwartungshaltung: hoch.
Kaum Geringeres dürfte die David Hughes Dance Productions aus Edinburgh abliefern. Ihre Produktion "The Red Room", mit der das Festival am Sonnabend um 20 Uhr eröffnet wird, nimmt sich Edgar Allan Poes "Die Maske des roten Todes" zum Ausgangspunkt eines Tanzabends über Verdrängung. Während draußen die Pest wütet, versetzt sich bei Poe eine illustre Gesellschaft im abgeschotteten Schloss in den Zustand lustvoll-verwahrloster Gedankenlosigkeit. Für das Gastspiel im Societaetstheater wird ein eigenes Lichtdesign entworfen. Auch hier sind hohe Erwartungen wohl kaum überzogen.
Anderes dürfte kaum weniger Aufmerksamkeit erregen, wie die Performance "Foot Washing for the Sole" (13.-15.5.) von Adrian Howells - selbstredend Fringe-Preisträger -, bei der er einem Zuschauer die Füße wäscht und nebenbei über die Weltreligionen plaudert. Pauline Goldsmith aus Glasgow wird mit zwei Soloauftritten zugegen sein, darunter mit dem mittlerweile als Fringe-Klassiker gehandelten "Bright Colors Only", einer etwas anderen Totenfeier (20.5.).
Theaterchef Andreas Nattermann ließ übrigens wissen, dass der Gedanke durchaus eine Rolle gespielt habe, sich 2011 im fünften Szene-Festival-Jahrgang den freien Theatern ganz Großbritanniens zu widmen. Der Entschluss pro Schottland ist aber nicht nur aus dem Grund sinnvoll, weil mit der regionalen Begrenzung immerhin ein Querschnitt der dortigen Off-Szene möglich ist. Er könnte auch als Muster für künftige Jahrgänge gelten: Müssen es schließlich immer ganze Länder sein, die im Societaetstheater vorgestellt werden? Die Konzentration auf Regionen (auch wenn Schottland sowohl als Land als auch als Region durchgehen könnte) würde neue Möglichkeiten eröffnen. Nattermann selbst sprach von möglichen strukturellen Änderungen beim Festival, ohne sich jedoch schon Details entlocken zu lassen.
Eine Neuerung ist aber klar: Das Programm ist nicht mehr so dicht gelagert wie bisher. Erstreckte sich noch im Vorjahr alles auf zehn Tage, sind nun mehr als zwei Wochen mit drei Wochenenden veranschlagt. Das könnte auch dazu führen, dass noch mehr als die gut 1000 Besucher, die 2010 zu "szene: Polen" strömten, ein Ticket kaufen.
Für das Dresdner Theater ist dieses Festival trotz des damit verbundenen Renommees nach wie vor ein finanzieller Balanceakt. Rund 60000 Euro kommen in diesem Jahr an Unterstützung, allein die Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank ist wieder mit 25000 Euro dabei. Brit Magdon, künstlerische Leiterin des Societaetstheaters, ist auch froh über Zuschüsse des British Council und von Creative Scotland, einer Institution, die schottische Kunst und Künstler promotet. Der Eigenbeitrag des Theaters liegt laut Nattermann bei rund 10 000 Euro.
Die angekündigte Dichte ist jedenfalls das Eine. Das Andere ist eine gewisse Gelassenheit, die sich aus Understatement speist. Denn das freie Theater mischt in Schottland schon lange kräftig mit, und aus Erfahrung erwächst das Wissen um das eigene Können. Wie fühlt sich ein so untermalter schottischer Mai in Dresden also an? Wir werden es bald wissen. Und wer sich als hiesiger Künstler direkt über die Möglichkeiten einer Fringe-Teilnahme informieren will, der sollte sich den 8. Mai ab 11 Uhr im Foyer des Societaetstheaters vormerken. Vertreter von Creative Scotland werden dann genau darüber informieren.
Torsten Klaus, DNN, 05.05.2011

Es brodelt unterm Schottenrock
Das Societaetstheater in Dresden streckt die Fühler nach Schottland aus.

Haben Sie im Theater schon mal die Füße gewaschen bekommen? Falls nicht, haben Sie am 14. Und 15. Mai die Chance dazu: Bei der Performance „Foot Washing for the Sole“ beim Festival Szene: Schottland. Das Societaetstheater hat zum fünften Mal keine Mühen gescheut , das Beste aus der freien Theaterszene eines europäischen Landes herauszudestillieren. Angefangen hat es 2006 mit Frankreich, danach waren Moldau, die Schweiz und Polen dran. Und nun Schottland, das Land der rauen Küsten, des knorzigen Whiskys und derben Humors. In Schottland gibt es auch eins der wichtigsten Theaterfestivals Europas: das Fringe Festival in Edinburgh. Es war auch ein Pool für die Auswahl des Dresdner Festivals.
Der Blick unter den Schottenrock, Verzeihung, hinter den Vorhang verspricht so einiges. Denn das schottische Theater ist bekannt dafür, dass es mutig verschiedene Formen miteinander mixt. Bisweilen tut es das in ein und derselben Produktion: In „The Red Room“ etwa kommen klassisches Ballett und expressiver Gegenwartstanz zusammen (am 7.5.): Die Performerin Pauline Goldsmith spielt mit den Zuschauern theatrales Bingo (am 19.5.), und die Gruppe Vox Motus erzählt mit schwarzem Humor, Schauspiel, Musik und Puppenspiel die wahre Geschichte von einem eingefrorenen Großvater (am 21. Und 22.5). Mehrere schottische Kurzfilme sind am 17.5. zu sehen.
20.04.11, SZ  (Johanna Lemke)

Schottentage im Societaetstheater
Das Theaterfestival „szene: SCHOTTLAND“ findet vom 7. bis 22.Mai statt

Neben Tanz- und Theaterproduktionen wird auch Literatur, Konzert und Film geboten
Sprachkenntnisse sind zur Eröffnungsveranstaltung am 7.Mai, 20 Uhr, nicht erforderlich. Denn „The Red Room“ von David M. Hughes kommt ohne Worte aus. Dem Tanztheater liegt die Erzählung von Edgar Allan Poe „Die Maske des roten Todes“ zugrunde.
Inspiriert von der Biografie seines Vaters erzählt und spielt Matthew Zajac vom Schicksal eines galizischen Schneiders, der während des Krieges aus seiner Heimat fliehen muss. „The Tailor of Inverness“ vom Dogstar Theatre ist am 12. Und 13. zu sehen. Shakespeares „Sommernachtstraum“ wird durch einen Audiowalk erschlossen und zwar im Botanischen Garten am 14. und 16. von 11 bis 18 Uhr sowie am 15. von 11 bis 21 Uhr. Die Rundgänge dauern etwa 90 Minuten.
Einen interaktiven Soloabend für Publikum mit Englischkenntnissen bietet Pauline Goldsmith aus Glasgow am 19.Mai: „Johnnie Ringo Bingo“ erforscht Wendepunkte und besondere Erscheinungen im Leben der Zuschauer, die wie in einer Lotterie darauf warten müssen bis sie aufgerufen werden. Alle Infos www.societaetstheater.de
C. Dahlke, Wochenkurier, 27.04.2011